Caritas-Projekt „Gesundheitslose“ für Wohnungslose in Baden-Baden

Bild Von links nach rechts: Alexandra Huber-Hennig und Christi-an Frisch

Sozialstation und Wohnungslosenhilfe kooperieren

In der Caritas-Wohnungslosenhilfe in Baden-Oos erleben die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen vielen gesundheitlich angeschlagene Menschen. „Pflegebedürftigkeit und dass wohnungslose Menschen älter werden, ist bei uns ein zunehmendes Thema und auch auf Fachtagen ist das immer häufiger präsent“, sagt Christian Frisch, Fachbereichsleiter der Wohnungslosenhilfe. „Durch den Ausbau von Wohnungslosenhilfe an sich werden die Menschen älter. Auf der Straße zu leben ist deutlich ungesünder“, erklärt Frisch.

Hier setzt ein neues Caritas-Projekt an: Seit Mitte Januar arbeiten die Sozialstation und Wohnungslosenhilfe des Caritasverbands Baden-Baden für die gesundheitliche Versorgung wohnungsloser Menschen enger zusammen.

„Um Menschen zu helfen“, so lautet der Claim der Redel Stiftung, die das Projekt für zwei Jahre finanziert. Die Erlöse, die Jahr für Jahr durch Cesra Arzneimittel GmbH erwirtschaftet werden, fließen, sofern sie nicht in die Zukunftsfähigkeit Cesras reinvestiert werden, direkt in die von der Redel Stiftung geförderten Projekte.

Pflegefachkraft unterstützt

Alexandra Huber-Hennig ist examinierte Altenpflegerin und wurde für das Projekt bei der Caritas-Sozialstation als Halbtagskraft angestellt. Im Einsatz ist sie als „Gesundheitslotsin“ der Caritas-Wohnungslosenhilfe und verstärkt das Team fachlich. „Ziel der Kooperation ist es, wohnungslose Menschen in Baden-Baden beim Zugang zu Pflege und gesundheitlicher Versorgung zu helfen“, sagt Christian Frisch. „Wir haben den Vorteil, dass unser Caritasverband mit der Sozialstation und dem Pflegeheim Vincentiushaus auch Pflege anbietet“, ergänzt Frisch.

Zudem gehe es darum, mehr Krankheitsbilder zu erkennen. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter der Caritas-Wohnungslosenhilfe können dies nicht leisten, durch die Pflegefachkraft im Haus sei das ganz anders.

Erfolge nach den ersten Wochen

Das Projekt läuft nun etwa ein Quartal. Als Pflegefachkraft hat Alexandra Huber-Hennig die medizinische Erstversorgung in der Wohnungslosenhilfe übernommen und könnte – falls erforderlich – ebenso die akute Pflege leisten. Sie begleitet Klientinnen und Klienten zu Ärzten, hält Kontakte zu Ärzten, unterstützt bei einer Therapiesuche, hilft bei Anträgen zur Pflegeversicherung bzw. zur Beantragung von Pflegegraden. „Ich habe eigentlich immer Besuch hier, in der Hauptsache geht es um Wunden unklarer Herkunft und Begleitungen zum Arzt. Bislang weniger um Pflege“, sagt Alexandra Huber-Hennig „Ich arbeite eng mit der Wundexpertin unserer Sozialstation zusammen, die mir Tipps bei der Wundversorgung gibt.“

Sie ist auch bei den Sprechstunden der Caritas-Sozialarbeiterin in der ordnungsrechtlichen Unterbringung Westliche Industriestraße der Stadt Baden-Baden dabei. Zudem gehen die beiden zum Bahnhof in Baden-Oos und schauen nach wohnungslosen Menschen, die medizinisch versorgt werden sollten. In der Wohnungslosenhilfe und in der Westliche Industriestraße wurde jeweils ein Behandlungsraum geschaffen.

Manches läuft anders

Nach drei Monaten kann Alexandra Huber-Hennig bereits sagen, dass in der Wohnungslosenhilfe manches anders läuft. Sie hat lange im Pflegeheim gearbeitet, zuletzt auch geleitet und war zehn Jahre in der ambulanten Intensivpflege tätig.

„Die Menschen hier werden gut versorgt – das hat auch mit sozialpflegerischer Arbeit zu tun, also auch mit „Seelenpflege“. Das macht so viel aus. Ich mache Wundverbände, bereite Medikamente vor, aber rede auch sehr viel mit den Menschen. Ich spreche gezielt über den gesundheitlichen Hintergrund und das Thema Sucht. Sucht ist eine anerkannte Erkrankung.“ Christian Frisch ergänzt: „Das eine ist zu erkennen, dass ich ein Problem habe, zum Beispiel mit Alkohol. Und das andere, dass ich eine Behandlung machen möchte und zu Beratungsstellen gehe. Hier können Gespräche ansetzen.“

Und was ist sonst anders? „Manchmal erschreckt es mich, wie sehr manche Menschen äußerlich von ihren Lebensumständen gezeichnet sind. Sie erscheinen älter, als sie es tatsächlich sind,“ sagt Huber-Hennig. Des Weiteren berichtet sie von verlorengegangenen oder gestohlenen Krankenversichertenkarten und dass Arztbesuche dann nur unter erschwerten Bedingungen möglich seien, solange es sich nicht um einen Notfall handele. Als Pflegefachkraft in der Wohnungslosenhilfe könne sie direkt ansetzen und Wunden versorgen – auch ohne Krankenversichertenkarte. Allerdings muss diese dann umgehend beantragt werden, damit eine ärztliche Verordnung angefordert werden kann.

Die Arbeit ist auch fordernd

„Einfach ist es nicht mit dem Klientel“, räumt sie ein. „Sie kommen manchmal nicht zum Termin oder setzen Vereinbarungen nicht um.“ Auch hier spielen Themen wie Süchte und Ängste eine Rolle. „Ich mache viele Beratungen zum Gesundheitsstatus. Und das immer wieder aufs Neue, weil die wohnungslosen Menschen selten zum Arzt möchten.“, so die 51-Jährige weiter.

Christian Frisch, der die Wohnungslosenhilfe seit vielen Jahren leitet, führt das aus: „Die Menschen sind teilweise überfordert damit, zum Arzt oder Facharzt zu gehen. Andere verstehen Arztgespräche nicht. Bei einem Krebspatienten habe ich schon erlebt, dass er die vorgeschlage-ne Behandlung mit einer ganz anderen Therapie verwechselt hat.“ Im Nachgang könne man mit den Menschen sprechen und vielleicht noch was erreichen, beispielsweise falls eine Behandlung zunächst abgelehnt würde. „Und manchmal gibt es auch Ängste oder Misstrauen gegenüber Ärzten, und deshalb wollen die Menschen nicht zu einem Arzt.“

Erste Erfolge

Der Fachbereichsleiter sieht einen großen Vorteil des Projekts für die wohnungslosen Menschen: „Eine erfahrene Pflegefachkraft hat einen viel besseren Blick als wir und kann Erkrankungen und das Gesundheitliche besser erkennen.“ Von den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern werde sie als Ansprechperson geschätzt. Sie werde auch gebeten, vor der Beantragung eines Pflegegrades eine Einschätzung abzugeben und teilweise die Korrespondenz mit der Pflegekasse zu übernehmen.

Nach den ersten drei Monaten resümiert Huber-Hennig mit einem Lächeln: „Ich bin total offen hier zur Wohnungslosenhilfe gekommen. Ich habe die Stellenanzeige gelesen und gedacht, das passt gut. Ich hatte keine speziellen Erwartungen. Und es passt immer noch.“

Zwei Jahre Erfahrungen sammeln

„In den zwei Jahren Projekt-Zeit sammeln wir Erfahrungen und entwickeln ein Konzept für die Zukunft“, sagt Fachbereichsleiter Christian Frisch. Bislang habe sich gezeigt, dass es hauptsächlich um Behandlungspflege geht. „Umfangreiche Pflegebedürftigkeit sehe ich aktuell nicht. Aber manche, deren Verfassung einem Pflegegrad eins oder zwei entsprechen“, sagt Huber-Hennig. „Ich denke, der Begriff Gesundheitslotse ist deshalb treffend.“

Das Projekt soll langfristig tragfähig sein und das Angebot möglichst dauerhaft gesichert werden. „Wir müssen schauen, dass wir so viel wie möglich unserer Leistungen abrechnen können und wir so das Fördergeld der Redel Stiftung über die zwei Jahre hinaus nutzen können“, sagt Christian Frisch. Diesbezüglich nennt er den Unterschied zwischen Pflege und die Wohnungslosenhilfe. Die Wohnungslosenhilfe biete Leistungen an, ohne zu wissen, ob man diese abrechnen könne. „Hier in der Wohnungslosenhilfe kann jeder reinkommen und duschen und übernachten.“

Spenden-Aufruf: Verbandsmaterial benötigt

„Wir wollen niederschwellig arbeiten, also wohnungslose Menschen direkt erstversorgen können, falls sie nicht zum Arzt gehen. Das muss bezahlt werden und ist in dem Maß nicht möglich, wie wir uns das vorstellen“, sagt die erfahrene Pflegefachkraft Huber-Hennig. Helfen würden Spenden für Verbandsmaterial, weil der Bedarf groß sei: „Falls jemand Verbandsmaterial zu Hause hat, kann das gerne an uns gespendet werden.“ Wichtig sei dabei, auf das Haltbarkeitsdatum zu achten, denn nur dann sei es noch steril.

Über die Wohnungslosenhilfe

Der Fachbereich Wohnungslosenhilfe des Caritasverbands Baden-Baden e.V. bietet Hilfe für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten. Besondere Lebensumstände wie Wohnungslosigkeit treffen hierbei auf soziale Probleme wie Sucht- oder psychische Erkrankungen.

Zum Angebot des Fachbereichs zählen die Ambulante Fachberatungsstelle, die Tagesstätte mit Café, ein Stationärer Bereich, Betreutes Wohnen sowie Hilfe für Wohnungslose Seniorinnen und Senioren.

Mit diesen verschiedenen Angeboten unterstützen wir Menschen sowohl präventiv als auch in akuten Notlagen. Dabei möchten wir jedem bzw. jeder einzelnen Hilfesuchenden in seiner Persönlichkeit gerecht werden und die für die jeweilige Situation passenden Hilfen anbieten oder vermitteln. Angestrebt wird, dass die betroffenen Menschen ihr Leben selbstständig meistern können.

Weitere Informationen unter /wohnungslosennotfallhilfe/           

Von links nach rechts: Alexandra Huber-Hennig und Christian Frisch

Text und Foto: Birgit Fritz