„Wie ein Sechser im Lotto“

Das Wohnzimmer ohne Dach der Caritas auf der Fieserbrücke in Baden-Baden

Caritas-Wohnungsnotfallhilfe wirbt mit einem Wohnzimmer ohne Dach

Bei Wind und Wetter stehen auf der Reinhard-Fieser-Brücke in Baden-Baden ein Bett, ein Tisch und zwei Stühle draußen. Wenn es regnet, wird alles nass. Dieses „Wohnzimmer ohne Dach“, wie es der Caritasverband Baden-Baden nennt, soll auf wohnungslose Menschen in Baden-Baden aufmerksam machen und verdeutlichen, kein Dach über dem Kopf zu haben. Ebenso soll es auf die Arbeit der Wohnungsnotfallhilfe verweisen.

Schicksale wohnungsloser Menschen

„Es kann schnell gehen, in eine solche Situation zu kommen“, sagt Felix Zimmer. Er hat selbst erlebt, wie es ist, ungeschützt im Freien zu übernachten, und war beim Aufbau der Aktion beteiligt. „Wenn man einmal auf der Straße lebt, ist man in einer eigenen Blase.“ Es gehe unter anderem darum, wie man an Essen komme oder wo sich eine Wasserflasche auffüllen lasse.

Nach Stationen in der städtischen Unterkunft in der westlichen Industriestraße lebt der 33-Jährige derzeit in der Wohnungsnotunterkunft in Baden-Oos. „Die Caritas ist wie ein Sechser im Lotto“, meint er. Er schätzt die Hilfe, die Sicherheit, die Verpflegung und die Ansprechpartner, die er dort findet.

Auch Mirko Grundmann ist zum wiederholten Mal in der Wohnungsnotunterkunft der Caritas untergekommen. „Ich bin seit fünf Monaten wieder da, nachdem ich ein Jahr in einer Beziehung in Brandenburg war“, sagt er. „Ich bin froh, dass es so was in Baden-Baden gibt.“

„Das ist doch schön“

„Unser Gebäude ist in die Jahre gekommen und kein Wohlfühlort im Sinne der meisten Menschen. Aber die wohnungslosen Menschen kommen zu uns und sagen, es sei doch schön hier“, sagt Christian Frisch, Fachbereichsleiter der Wohnungsnotfallhilfe des Caritasverbands Baden-Baden. „Bei uns erleben manche vielleicht das erste Mal ein gemeinsames Tun oder dass jemand am Geburtstag an sie denkt.“ Dabei sei klar, dass nicht alle ein Leben lang in der Wohnungslosennotfallhilfe aufgenommen werden können. „Unser Ziel ist der Übergang in ein selbständigeres Leben“, sagt Frisch.

Die Menschen als Menschen wahrnehmen

Als Felix Zimmer vor dem „Wohnzimmer ohne Dach“ auf der Fieser-Brücke steht, entsteht ein Gespräch über geringschätzige Behandlung wohnungslosen Menschen gegenüber. „Wenn ich andere Menschen sehe, frage ich mich, was er für eine Geschichte hat“, sagt er. „Wir sind alle Menschen“, betont Felix Zimmer und bittet: „Wenn Passanten wohnungslosen Menschen nicht helfen können oder wollen, sollen sie wenigstens die abwertenden Blicke sein lassen.“

Dem pflichtet Mirko Grundmann bei: „Blicke sagen mehr als Worte. Statt zu fragen, weshalb man in diese Situation geraten ist, wird man abwertend angeschaut.“ Aber er schildert auch, dass ihm einmal Leute einen Schlafsack angeboten hätten, als er einen Winter auf der Straße verbrachte.

Noch bis 2. November

Und auch Christian Frisch berichtet, dass es sehr wohl Menschen gibt, die nicht wegschauen und wohnungslosen Menschen helfen möchten. „Im vergangenen Jahr beim Abbau der Aktion hat mich jemand angesprochen, dass am Augustaplatz ein wohnungsloser Mensch säße“, sagt Christian Frisch. „Dem habe ich einen Platz besorgt und er war eine Zeit bei uns in der Wohnungsnotfallhilfe in Baden-Oos. Nun lebt er im Pflegeheim.“

Noch bis 2. November steht das „Wohnzimmer ohne Dach“ auf der Reinhard-Fieser-Brücke.

Foto und Text: Birgit Fritz – Caritasverband Baden-Baden e.V.