„Tag der wohnungslosen Menschen“ am 11. September

Ein von Wohnunglosigkeit Betroffner vor einem Stativ

Baden-Baden hat in Baden-Württemberg die meisten untergebrachten Wohnungslosen pro Einwohner

Zum bundesweiten „Tag der wohnungslosen Menschen“ am 11. September gibt der Caritasverband Baden-Baden Einblicke in die gegenwärtige Situation in Baden-Württemberg und in der Bäderstadt.

Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit sind ein großes Problem. Kürzungen bei Sozialleistungen, beispielsweise beim Wohngeld und der neuen Grundsicherung, könnten das Risiko von Wohnungsverlusten noch verstärken. „Der Aktionstag soll darauf hinweisen, dass Wohnungsnot uns alle angeht“, sagt Christian Frisch, Fachbereichsleitung Wohnungsnotfallhilfe.

Kommunale Unterkünfte liefern Zahlen

„Die Zahl der Wohnungslosen ist nicht gestiegen, sondern eher minimal gefallen oder wie es die BAGW, die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungsnotfallhilfe, ausdrückt: verharrt auf hohem Niveau“, sagt Frisch. Gemeint sind in diesem Fall Menschen, die vorrübergehend kommunal untergebracht sind und nicht alle obdachlosen Menschen. Im Fall von Baden-Baden zählen dazu die städtische Notunterkunft in der Westlichen Industriestraße, die Wohnungsnotfallhilfe des Caritasverbands in Baden-Oos und Wohnungen, die zu diesem Zweck von der Stadt angemietet wurden. In Baden-Württemberg sind die Kommunen für die Wohnungsnotfallhilfe zuständig.

Wie kommt es dazu, dass Menschen diese Hilfeleistung der Kommunen benötigen? Menschen können durch Kündigung der Mietwohnung oder Verlust der Wohnung durch Brandschaden, Trennung oder Gewalt wohnungslos werden. Auch Menschen, die nach einem Asylverfahren zum Beispiel in Wohnungen durch Kommunen anschlussuntergebracht sind, werden in die Statistik eingerechnet.

Über 1 Million wohnungslose Menschen in Deutschland geschätzt

Deutschlandweit lebten nach Angabe der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) Ende Januar 2026 – das ist der Stichtag für die offiziellen Erhebungen – insgesamt 452.900 Menschen in kommunalen Not- und Übergangsunterkünften.

Es sind jedoch weitaus mehr Menschen, die keinen gesicherten Wohnraum haben, aber nicht in kommunalen Unterkünften leben und deshalb nicht in der bundesweiten Statistik erfasst sind. Sie sind zum Beispiel bei Angehörigen oder Bekannten untergekommen oder in Einrichtungen wie im Gesundheitssystem, Billigpensionen, Monteurswohnungen, Haft, Gewaltschutz oder leben in Gärten oder auf Campingplätzen, so die BAGW in einer Pressemitteilung von Juni.

Christian Frisch vom Caritasverband Baden-Baden ergänzt: „Der BAGW hat die tatsächliche Zahl wohnungsloser Menschen geschätzt beziehungsweise für das Jahr 2024 hochgerechnet. Nach dieser Hochrechnung waren über eine Million Menschen in Deutschland wohnungslos. Hinter dieser Zahl stehen Menschen. Ihre Geschichten werden oft nicht gehört und ihre Lebensrealität übersehen.“

Baden-Baden

Schauen wir nach Baden-Württemberg. Im Jahr 2025 gab es laut Bundesstatistik hier 94.550 wohnungslose Menschen in kommunalen Unterkünften, im Jahr 2026 waren es 90.800.

Auch in Mittelbaden zeigen sich hohe Fallzahlen. Auf Baden-Baden bezogen waren es im Jahr 2026 insgesamt 1.110 Menschen. Im Landkreis Rastatt 2.155 Personen. „Umgerechnet auf die Einwohnerzahlen hat Baden-Baden die meisten untergebrachten Wohnungslosen in Baden-Württemberg“, sagt Christian Frisch. Laut Statistik sind es 194,9 pro 10.000 Einwohner. Im Landkreis Rastatt lag der Wert bei 93,8.

Weshalb Baden-Baden diese Vorreiterrolle einnimmt, begründet Christian Frisch damit, dass überproportional viele ukrainische Menschen hier aufgenommen wurden. „Sie zählen dann alle als wohnungslos und das erhöht die Zahlen für Baden-Baden“, sagt der Fachbereichsleiter. Es erkläre auch den hohen Frauenanteil, den die Zahlen wiedergeben. „Baden-Baden kommt der gesetzlichen Pflicht, wohnungslose Menschen unterzubringen, sehr gut nach“, meint Frisch. Die Zusammenarbeit zwischen Caritasverband und der Stadt funktioniere dabei sehr gut.

Auch viele Frauen betroffen

Ein Blick auf die Zusammensetzung der in Notunterkünften lebenden Wohnungslosen zeigt, dass längst nicht nur alleinstehende Männer betroffen sind, sondern ebenso Alleinerziehende, Paare, Eltern mit Kindern und Mehrgenerationenhaushalte.

Bundesweit sind laut BAGW von den wohnungslos Untergebrachten etwa 57 % Männer und rund 42 % Frauen. „Der erschreckend hohe Anteil an Frauen – und auch unter 18-Jährigen – ist eben darauf zurückzuführen, dass Menschen in Anschlussunterbringung mitgezählt werden. „Hierunter befinden sich nach wie vor viele Geflüchtete aus der Ukraine und das sind weit überwiegend Frauen mit Kindern. Daher auch der große Anteil nicht deutsche Staatsangehörigkeit.“, ordnet Christian Frisch vom Caritasverband Baden-Baden ein.

Versorgungslücken

Nur etwa die Hälfte der Kommunen nimmt ortsfremde wohnungslose Menschen regulär auf, sagt eine Erhebung des Bundes. „Es kann mancherorts schwierig sein, als ortsfremder Obdachloser eine Unterkunft zu erhalten, obwohl die Rechtslage eindeutig ist“, sagt Christian Frisch.

Was können Kommunen und die Politik tun?

Die Geschäftsführerin der BAGW meinte zur hohen Zahl an Wohnungslosen in einer Mitteilung vom Juni: „Die politischen Gegenmaßnahmen reichen bislang nicht aus, darüber darf der geringe Rückgang nicht hinwegtäuschen“, sagt Sabine Bösing, Geschäftsführerin der BAGW. Bezahlbarer Wohnraum sei der zentrale Engpass, so der BAGW.

Für den Caritasverband Baden-Baden zeigt die Entwicklung, dass sich ohne mehr bezahlbaren Wohnraum und ausreichende soziale Begleitung der Menschen die Wohnungslosigkeit langfristig nicht wirksam bekämpfen lassen wird. Und das wiederum würde zu weiteren Belastungen für die Kommunen führen.

Mehrheit länger als zwei Jahre untergebracht

„Die Caritas Baden-Württemberg stellt klar, dass Unterbringung nicht zur dauerhaften Verwaltung von Wohnungslosigkeit werden darf“, sagt Christian Frisch vom Caritasverband Baden-Baden. Die Zahlen der Bundesstatistik zeigen für Baden-Württemberg, wie groß die Anstrengung, das zu erreichen, sein dürfte: „Nur 3,8 % der wohnungslosen Menschen sind bis zu acht Wochen untergebracht, etwa 10 % zwischen acht Wochen und 6 Monaten, weitere circa 10 % zwischen sechs und acht Monaten. Knapp 18 % ein bis zwei Jahre. Aber über 58 Prozent sogar länger als zwei Jahre. „Die Verweildauer in den ordnungsrechtlichen Einrichtungen finde ich ziemlich hoch“, sagt Christian Frisch.