Chefin der Tafel Deutschland in Baden-Baden
Die Vorstellung des Buches von Sirkka Jendis, Geschäftsführerin der Tafel Deutschland, in der Buchhandlung Eulennest wandelte sich zu einem lebendigen Dialog mit dem Publikum, das immer wieder Fragen stellen konnte.
Die vom Caritasverband Baden-Baden organisierte Veranstaltung fiel just auf den offiziellen Tafel-Tag am 15. September, dem Gründungstag des Dachverbands der Tafeln, an dem dieser zu Solidarität in der Gesellschaft aufrief. Passender hätte das Datum deshalb gar nicht sein können. Obendrein fand die Veranstaltung im Rahmen der Aktionswoche der Sozialverbände Baden-Württembergs zum Thema „Zukunft von Sozialpolitik und Armutsbekämpfung im Land und vor Ort“ statt.
In ihrem Buch „Armut hat System: Warum wir in Deutschland eine soziale Zeitenwende brauchen“ benennt Sirkka Jendis Ursachen und Folgen des sozialen Ungleichgewichts in Deutschland.
Wie Jendis zur Tafel kam
Bevor sie zur Tafel Deutschland kam, studierte sie Kommunikationswissenschaften und war im Medienbereich beim Zeit-Verlag tätig. Danach folgten neun Jahre für den Evangelischen Kirchentag, unter anderem als Vorstand Kommunikation. „Bei der Tafel Deutschland wurde damals jemand gesucht, der sich mit Kommunikation und Fundraising auskennt“, erzählte Jendis im Gespräch mit der Moderatorin des Abends, Tanja Eger, von der Buchhandlung Eulennest. Nur wenige Wochen nachdem Jendis im Dezember 2021 das Amt als Geschäftsführerin von Tafel Deutschland, dem Dachverband der über 980 Tafeln, antrat, begann Russland den Krieg gegen die Ukraine. „Es war alles anders und sehr viel zu tun“, sagte Jendis. „Es hat mich direkt in die Arbeit reingeschmissen.“
Tafeln nach Kriegsbeginn überrannt
Damals sorgte die immens gestiegene Nachfrage durch Ukraine-Flüchtlinge und einheimische Armutsbetroffene, denen die gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreise zusetzten, für riesige Herausforderungen bei den Tafeln. Auf die Frage, ob inzwischen Normalität eingekehrt sei, antwortete Jendis offen: „Die Herausforderungen sind nicht kleiner geworden.“
Soziale Kälte in Politik und Medien
Bei der Lesung aus dem Vorwort ihres Buches wird deutlich, was Jendis in den Fokus stellt: Armut sei ein Bruch des Gesellschaftsvertrags, der soziale Teilhabe und Chancengerechtigkeit für alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft verspreche. Armut bedeute für viele unter anderem ein Trauma und Ausgrenzung. Armut spalte die Gesellschaft. „Armut hat nur Verlierer, nie Gewinner“, so Jendis.
Das Narrativ in der Gesellschaft, Armut sei selbst verursacht, stimme nicht. Das beruhe auf Populismus und falschen Fakten, meinte die Geschäftsführerin der Tafel Deutschland. Zudem: Wenige Menschen, die das Sozialsystem missbrauchen, werden als repräsentativ angenommen.
„In der Politik und den Medien nehme ich soziale Kälte wahr“, sagte Jendis. Später ergänzt sie zum populistischen Bild der Politik, das in der Presse aufgegriffen werde, dass Negativismus ein Nachrichtenfaktor sei und deshalb eher nur über das Negative berichtet werde. „Das verfängt, weil wir ein neoliberales Leistungsversprechen haben, dass sich Leistung lohnt. Aber das ist nicht wahr.“
1,5 Millionen Menschen bei den Tafeln
Dem Dachverband gehören über 980 Tafeln an. Sirkka Jendis kennt die Situation der von Armut betroffenen Menschen. Es kämen immer mehr Menschen zur Tafel, die es kurz zuvor noch nicht gedacht hätten. „1,5 Millionen Menschen kommen tatsächlich zu den Tafeln. Aber berechtigt wären noch viel mehr“, sagt sie. Ungefähr 13,3 Millionen Menschen seien in Deutschland armutsbetroffen, darunter fast 30 % Kinder und Familien und etwa 20 % Rentner ab 63 Jahren, so Jendis.
Bei der Tafel in Baden-Baden sind 467 Bedarfsgemeinschaften als Kunden registriert. Sie setzen sich aus 700 Erwachsenen und 30 Kindern zusammen, informierte die örtliche Tafelleitung Helene Schäfer nach einer Frage aus dem Publikum.
„Menschen in Armut sollen immer dankbar sein“
Jendis machte deutlich: Bei den Tafeln vor Ort nähmen die Zahlen Gestalt an in Form echter Menschen. Im Gespräch mit den Besucherinnen und Besuchern verdeutlichte sie das: „Armut ist viel mehr als ein leerer Kühlschrank.“ Sie nannte fehlende soziale Teilhabe der von Armut betroffenen Menschen als besorgniserregend. Es gehe auch darum, dass die Menschen überhaupt wissen, was es an Angeboten gebe.
Eine Zuhörerin meldete sich und meinte: „Die Menschen in Armut bleiben immer Bittsteller, die immer dankbar zu sein haben und nie aufstehen dürfen.“ Das Menschenbild der Tafel Deutschland sei es, dass sich Armut niemand aussuche und die Leistungen den armutsbetroffenen Menschen zustünden, so Jendis.
Vorurteile gegenüber Armutsbetroffenen
Auch die Themen Menschenwürde und Vorurteile kamen ins Gespräch: Den Tafeln gehe es um Würde und Wertschätzung der Menschen. Helene Schäfer, Leitung der Tafel Baden-Baden, verwies auf Vorurteile, mit denen sie immer wieder konfrontiert würde, beispielsweise, dass sich Kunden aber künstliche Fingernägel machen ließen oder mit dem Auto zur Tafel fahren würden. Sirkka Jendis, Geschäftsführerin der Tafel Deutschland, pflichtete bei, dass das ein schwieriges Thema sei: „Viele von uns haben Privilegien und man sollte mal die Sichtweise ändern.“ Sie rief auf, darüber nachzudenken, wie selbstverständlich Dinge bei einem funktionieren und dann mal zu schauen, wie es beim Nachbarskind sei oder beim Freund des eigenen Kindes. Dass ein Kind vielleicht nicht zu einem Geburtstag kommen könnte, weil das Geld für ein Geschenk fehle.
Als sie später nochmals aus ihrem Buch eine Begebenheit aus der Tafel Cottbus vorlas, wurde das Thema Würde erneut deutlich: Die Gruppe „Barber Angels“ bot dort kostenfrei Haarschnitte für Tafelkunden, Frauen aus dem Frauenhaus und Obdachlose an – für Menschen, für die ein Haarschnitt nicht selbstverständlich zu bezahlen sei. Bei der Aktion gehe es darum, so Jendis, die Würde der Menschen zu bewahren. Bei diesen Haarschnittaktionen seien jedes Mal bei den Gästen Tränen der Rührung geflossen.
Nicht generalisieren
Die Forderung von Jendis an diesem Abend: „Wir müssen uns auf ein gemeinsames Menschenbild einigen.“ An späterer Stelle ergänzte sie, was man tun könne: Aufklärungsarbeit leisten, einen Einzelfall anschauen und nicht generalisieren sowie hinter eine Fassade schauen.
Auch bezüglich Bildung bezog sie Stellung, weil Bildungschancen in Deutschland meist abhängig vom Elternhaus seien. Frühkindliche Bildung sei einer der Schlüssel. Die Mutter von drei Kindern plädierte deshalb für ein verpflichtendes letztes Kita-Jahr vor einer Einschulung.
Menschen in Arbeit bringen
Ein weiteres Thema waren die Auswirkungen wachsender sozialer Ungleichheit auf die Demokratie in Deutschland. „Studien sagen, dass Armut Auswirkungen auf das Vertrauen in Institutionen hat“, so Jendis. Sie stellte klar, dass die Tafeln überparteilich seien und trotzdem politisch.
Mit der Politik versuche der Dachverband ins Gespräch zu kommen. Das gelinge in Bezug auf Lebensmittelverschwendung gut. Bezüglich armutsbetroffener Menschen sei es schwieriger, weil es der Politik das eigene Versagen zeige, so Jendis.
Ihre Meinung zur Armutsbekämpfung: Man begegne Armut, indem man Menschen in Arbeit bringe.
Die Tafel sei existenziell geworden
Moderatorin Tanja Eger verwies auf Kommunen, die das Problem der armen Menschen verlagerten und sagen würden: „Gehen Sie doch zur Tafel!“ An dieser Stelle betonte Jendis, dass die Tafel eine Freiwilligenaktion sei, eine ehrenamtliche Organisation, die nicht staatlich finanziert sei. Die Geschäftsführerin der Tafel Deutschland verwies auf den Ursprung der Tafel: Linderung im Alltag zu ermöglichen. Aber nun seien die Lebensmittel bei der Tafel existenziell geworden. „Und das kann eine Freiwilligenorganisation nicht leisten“, sagte sie.
Auch eine Besucherin äußerte sich dazu: „Die Tafeln ersetzen nun oft, was ein Sozialamt leisten müsste. Das ist für meine Vorstellung nicht in Ordnung.“
Nach der lebhaften Diskussion konnten sich Besucher und Besucherinnen ihr Exemplar von Sirkka Jendis signieren lassen.
Buchhandlung übergibt Geschenke für Schulanfänger
Der Caritasverband Baden-Baden dankte der Buchhandlung Eulennest für die Kooperation bei der Veranstaltung und für die Geschenke-Aktion für Schulanfängerkinder der Tafel Baden-Baden. Das Eulennest-Team hatte Spenden gesammelt und Geschenktüten mit kleinem Buch, Stift, Radiergummi und etwas Süßem vorbereitet und der Tafel Baden-Baden an diesem Abend übergeben.

