So lautet der provokante Titel eines Filmes, in dem über ein Projekt berichtet wird, im Rahmen dessen Menschen, die von einer psychischen Erkrankung betroffen sind, befähigt werden, als Mitarbeiter in der psychosozialen Versorgung tätig zu sein.

Was im Suchtbereich eine lange Tradition aufweist, dass genesene Süchtige als Streetworker oder Mitarbeiter in der Suchtberatung eingesetzt werden, beginnt sich im Bereich des psychiatrischen Versorgungssystems langsam zu entwickeln. Psychiatrie-erfahrene Menschen werden als Genesungsbegleiter bzw. Genesungsbegleiterinnen in psychiatrischen Kliniken und in gemeindepsychiatrischen Diensten angestellt. Dabei wird von der Annahme ausgegangen, dass Menschen, die psychische Krisen durchlebt haben, diese Erfahrung nutzen können, um andere in ähnlichen Situationen zu verstehen und zu unterstützen. Selbst wenn sie nicht das Gleiche durchmachten, so können sie sich in andere Betroffene einfühlen, weil sie den emotionalen Schmerz sowie das Gefühl von Verlust und Hoffnungslosigkeit kennen, aber auch den Prozess durchlaufen haben,  das Leben neu anzugehen. Als solche können sie die Hoffnung nähren und ein lebendiges Beispiel für Genesung geben.

GenesungsbegleiterInnen erfüllen drei Voraussetzungen. Sie waren oder sind selber von einer psychischen Erkrankung betroffen. Sie sind genesen oder haben einen guten Weg gefunden, trotz Erkrankung ein erfülltes Leben zu leben. Sie haben einen EX-IN-Kurs durchlaufen. EX-IN steht für Experienced Involvement, was frei übersetzt heißt: Einbeziehung von Erfahrungswissen. Das Konzept für die Ausbildung ist im Rahmen eines europäischen Pilotprojektes in den Jahren 2005 – 2007 entwickelt worden. Im Grundsatz geht EX-IN davon aus, dass jeder Mensch das Potential zur Genesung aufweist und weiß, was hilfreich für ihn ist. Genesung ist dabei nicht nur mit Heilung gleichzusetzen, sondern kann auch bedeuten, mit der Erkrankung gut leben zu können. Im EX-IN-Kurs, der 12 Einheiten im Zeitraum eines Jahres umfasst, werden die Teilnehmer darin geschult, ihre Erfahrungen im Austausch zu reflektieren, zu strukturieren und zu präsentieren. So wird aus der individuellen Erfahrung ein Wissen, das an andere weitergegeben werden kann.  Ein weiterer Schwerpunkt liegt darauf, sich nicht auf die Symptome zu konzentrieren, sondern die Ressourcen, die innewohnenden Fähigkeiten zu entdecken und zu stärken.
EX-IN möchte die professionellen Hilfsangebote ergänzen, nicht mit ihnen konkurrieren. Es ist zu erwarten, dass durch das Mitwirken von Betroffenen an der Planung und Gestaltung von Maßnahmen die Angebote lebensnäher werden und sich mehr an den Bedürfnissen der Betroffenen orientieren. Darüber hinaus können GenesungsbegleiterInnen eine Brücke zwischen Betroffenen und den professionellen Helfern bilden, indem sie beide Seiten einander näherbringen. Vorurteile werden abgebaut und der Stigmatisierung entgegengewirkt. Erste Untersuchungen belegen positive Ergebnisse.
Nicht zuletzt wird durch das Einstellen von GenesungsbegleiterInnen Teilhabe realisiert. Menschen mit einer psychischen Erkrankung finden auf dem ersten Arbeitsmarkt einen vollwertigen Arbeitsplatz.

Der Gemeindepsychiatrische Dienst des Caritasverbandes Baden-Baden konnte nun erste Erfahrungen mit EX-IN machen, indem er mir- einer angehenden Genesungsbegleiterin – die Gelegenheit gab, mein 80stündiges Praktikum in der offenen Tagesstätte zu absolvieren. Der Empfang war außerordentlich freundlich, ich wurde persönlich und mit einem eigens erstellten Informationsheft willkommen geheißen. Da ich im Rahmen einer Honorartätigkeit bereits einer Beschäftigung nachgehe, war vereinbart, dass ich stundenweise hospitieren und mich in der selbstständigen Durchführung einzelner Angebote ausprobieren kann. Über 4 Monate besuchte ich das „Offene Café“ und ich nahm an den Angeboten „Kochen“ und „Walk ‘n Talk“ teil. Hin und wieder sprang ich ein, wenn die verantwortliche Mitarbeiterin verhindert war. Von den Besuchern wurde ich offen aufgenommen, wenn auch die wenigsten etwas mit meiner Ausbildung anfangen konnten. Selten kam es vor, dass ich nach meinen eigenen Krankheits- oder Genesungserfahrungen gefragt wurde, was mich überraschte. Ich hatte mich als Betroffene vorgestellt, von meinen Erfahrungen jedoch nur dann erzählt, wenn ich gefragt wurde. Schnell aber was das Vertrauen hergestellt, mir die eigenen Nöte und Sorgen erzählen zu können. In den letzten beiden Wochen meines Praktikums konnte ich mich verstärkt einbringen, da ich zeitlich flexibler war. Ich lernte die weiteren Angebote kennen, konnte z.B. im Beschäftigungsprojekt beim Versteigern mithelfen und den Frühstückstreff organisieren. Eigenverantwortlich führte ich im Rahmen des Club 13 einen strukturierten Erfahrungsaustausch durch zum Thema: „Welche Ressourcen helfen mir, mein Leben mit der psychischen Erkrankung positiv zu gestalten?“  und konnte damit exemplarisch zeigen, wie im EX-IN-Ansatz gearbeitet wird. Natürlich stellten sich genügend Herausforderungen. Grenzen setzen, war nicht immer leicht, auch nicht, sich in höherem Alter in die Rolle einer Praktikantin zu begeben. Im Team wurde ich gut aufgenommen, wurde nach meiner Meinung gefragt und konnte auch kritische Fragen stellen. Auf beiden Seiten gab es Worte des Bedauerns, als es an den Abschied ging.

In wenigen Wochen werde ich die Ausbildung abschließen. Ob ich eine Anstellung finde, ist offen – in meinem Fall aber auch nicht drängend, weil ich bereits eine Arbeit ausübe, die mir gefällt. Für mich ging es darum, nochmals in einen Bereich hineinzuspüren, in den ich neben dem Erfahrungswissen einer Betroffenen auch Kenntnisse aus früheren Aus- und Weiterbildungen einbringen kann. Als ich von EX-IN hörte, hat mich dieser Ansatz sofort angesprochen, weil da endlich einmal die Erfahrung eine Wertschätzung erfährt, die ein Betroffener/eine Betroffene auf dem Weg zur Genesung sammelt. Krankheit wird nicht nur als Leid angesehen, was sie sicher auch ist, sondern darüber hinaus als eine Chance, das Leben neu zu gestalten. Die Erkrankung erhält einen Sinn, weil sie zum Beispiel auffordert, achtsam mit sich umzugehen oder sich von dem verinnerlichten Leistungsdenken zu verabschieden. Wer sich in der Bibel auskennt, dem wird diese Sichtweise nicht fremd sein. Da gibt es genügend Geschichten, in denen Leiderfahrungen in einen Schatz verwandelt werden. Im Zuge der Vorbereitungen auf das Thema im Club 13, erinnerte ich mich an ein Gedicht von Sören Kahl, das ich aus einem Gottesdienst kenne und das in einem Gleichnis veranschaulicht, um was es bei EX-IN geht.

Doris Moerschel,  Genesungsbegleiterin
(Text, Foto: Doris Moerschel)

 

bild_leitwort_doris_moerschelDas Wunder der Perle

Man erzählt sich die Geschichte einer Perle hier am Strand.
Sie entstand in jener Muschel durch ein grobes Körnchen Sand.
Es drang ein in ihre Mitte und die Muschel wehrte sich.
Doch sie musste damit leben und sie klagte: Warum ich?

Eine Perle wächst ins Leben, sie entsteht durch tiefen Schmerz.
Und die Muschel glaubt zu sterben, Wut und Trauer füllt ihr Herz.
Sie beginnt es zu ertragen, zu ummanteln dieses Korn.
Nach und nach verstummt ihr Klagen und ihr ohnmächtiger Zorn.

Viele Jahre sind vergangen, Tag für Tag am Meeresgrund
schließt und öffnet sich die Muschel. Jetzt fühlt sie sich kerngesund.
Ihre Perle wird geboren. Glitzert nun im Sonnenlicht.
Alle Schmerzen sind vergessen, jenes Wunder jedoch nicht. […]

(Sören Kahl)