Ich kenne die Wohnungslosenhilfe seit ich dort meinen Zivildienst im Jahr 1992 absolviert habe. Damals, als ich zum ersten Mal in die Einrichtung ging, war mir „klar“ wie ein Wohnungsloser aussieht: Rauschebart, Rotweinflasche, Rucksack, Hut mit Federn und/oder Kronkorken befestigt.

Heute, 23 Jahre später, fällt mir eine Beschreibung sehr viel schwieriger. Es sind mir sehr viele unterschiedliche Menschen begegnet, mit unterschiedlichen Lebensgeschichten und damit unterschiedlichen Bedarfen – dies macht die Arbeit sowohl schwierig, aber auch abwechslungsreich.

Eine Beschreibung der Wohnungslosen, oder wie es im Gesetz heißt „Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten“, ist aus meiner Sicht unmöglich – es ist unbeschreiblich. Und doch muss ich dies immer wieder in Berichten und Hilfeplänen tun.

Um dennoch einen kleinen Einblick in die Lebenssituation dieser Menschen zu bekommen, habe ich einen Betroffenen gebeten seine Situation, sein Leben, zu beschreiben (dieses Mal allerdings anonym).

Bin ich zuversichtlich abstinent zu leben?
Ich bin noch nicht einmal zuversichtlich überhaupt abstinent zu bleiben!

Warum? – Nun, das hat viele Gründe.
Es hat mit Enttäuschung zu tun, mit Selbstverachtung, Minderwertigkeit, Selbsthass, Auflehnung gegen die Gesellschaft und unheimlich viel Trauer.

Natürlich: ich will abstinent bleiben und ich versuche es solange es geht.
Aber ob ich bis an mein Lebensende abstinent bleibe, kann ich nicht versprechen.
Dafür steht im Widerspruch die Frage: Warum lebe ich, mit welchem Recht?
Um gedemütigt, geschlagen, misshandelt, gequält, missbraucht, verletzt oder verlassen zu werden?
Um andere zu verletzten?
Auf so ein Leben kann ich verzichten.

Ich führe einen einsamen Kampf gegen mich selbst.
Ich akzeptiere keine Norm. Akzeptiere nicht mich.
Ich bin traurig, dass ich lebe.

Sicherlich, all der Schmerz ist Vergangenheit, aber die Wunden bleiben.
Ich verachte mich selbst. Ich hasse mich dafür, dass ich geboren wurde.
Wäre ich nicht, hätte ich niemanden genötigt mich zu verletzen und ich bin mir sicher, es tut ihnen Leid.
Wäre ich nicht, hätten sie es nicht getan.
In der Konsequenz liegt die Schuld logischerweise bei mir.

Ob ich heute sterbe oder morgen ist mir gleich.
Meine Mutter hat mich verlassen, die Frau die ich liebte hat mich verlassen.
Meine Seele ist schon tot.
Ich werde kämpfen und gewinnen! So oder so.

(Heiko K., 36 Jahre)

Herr K. war 6 Wochen bei uns. In dieser Zeit begleitete ich ihn einige Male zur Fachstelle Sucht (er sagte, er wolle eine Therapie beantragen). Kurz vor einem weiteren Termin ist er dann aus Baden-Baden weg gegangen. Dies bedauere ich sehr und hoffe, dass er an anderer Stelle den Weg in eine Therapie weiter gehen wird.

Ich wünsche ihm alles Gute und Gottes Segen.

Ihr
Christian Frisch
Fachbereichsleiter Wohnungslosenhilfe