Ich muss heute Morgen nichts leisten, nichts Besonderes tun, nichts Gescheites sagen, mich nicht verstellen oder irgendwie „darstellen“.
Ich kann mit netten Leuten montags im „Frühstückstreff“ am Frühstückstisch sitzen und mich ganz normal über ganz alltägliche Dinge unterhalten.

Das ist ein gutes Gefühl:
Ohne Druck einfach da sein zu können.
Zu wissen – Hier sind alle die kommen, willkommen.

Besonders gefällt mir:
Hier wissen die Menschen voneinander, freuen sich über die bekannten (oder neue, unbekannte) Gesichter – fragen nach, nehmen Anteil. Jede/r ist so angenommen, wie er / sie ist.
Schließlich kennt man auch die Eigenheiten der anderen (wer gerne mitorganisiert und mitredet oder lieber am Tischende erst einmal Zeitung liest oder auch wer viel krümelt, wer am besten nahe am Käse sitzt oder Honig mag und wer später kommt und nur kurz einen Kaffee trinkt).
Natürlich wissen wir auch Wesentliches voneinander. Es wird mitgefiebert und nachgefragt, bei anstehenden Operationen, Krankheitsfällen in der Familie, anstehenden Feiern oder Reisen… .
Alles und alle haben hier Platz und Raum.

… ein paar praktische Nebeneffekte hatte das Frühstückstreffen für mich oft auch schon:
Ich erfahre montags morgens, was in der Welt ganz aktuell los ist (meistens hatte ich Zuhause wenig Gelegenheit, schon Zeitung zu lesen oder Radio zu hören).
Die Zeitung liegt auf dem Tisch aber oft hat auch schon irgendwer in der Runde ein Thema angeschnitten – zur Wahl, zum politischen Tagesgeschehen oder auch zur aktuellen Wetter- und Verkehrslage.
Auch so manche kleine Alltagsfrage hat sich hier schon beantwortet.
Ich weiß welche Bäcker wo in Baden-Baden teuer oder günstig sind und gute Waren haben.
Ich bekomme Infos zu Busverbindungen und Fahrplänen, so dass ich mir schon die Netzsuche oder den Gang in die Warteschlange bei der KVV ersparen konnte.
Tipps für Rezepte gehen über den Tisch oder ich bekomme mit, wo die nächste Baustelle zu erwarten ist und wie ich sie am besten umgehe.

Mir gefällt, dass es so „normal“ und menschlich zugeht.
Wir unterhalten uns über ganz normale Dinge. Wie das Essen geschmeckt hat, was am Wochenende bei wem los war, auch das „nicht immer was los“ ist.

Mir wird wieder klar, wie wichtig soziale Kontakte sind. Sich austauschen zu können.
Morgens sagen zu können „heute habe ich schlecht geschlafen“ oder „mich nervt das kalte Wetter“ oder „ich habe meine Steuererklärung auch noch nicht gemacht“.
Auch richtige gute Gespräche haben sich schon entwickelt – zum Thema Vorhersehung und der Frage nach Gott oder zu politischen Fragen oder zum Umgang mit Krankheit und Alter in der Familie… .

Zugleich werde ich demütig und komme ein wenig „auf den Boden zurück“.
Ich höre davon, was es bedeutet, mit einer psychischen Krankheit zu leben. Dauerhaft Medikamente zu nehmen und mit ständigen Arztbesuchen vertraut zu sein.
Auch dass es kein Selbstverständnis ist, eine intakte Familie zu haben oder eine feste Arbeitsstelle oder eine Aufgabe, die mich erfüllt.
Aber das Bedürfnis danach ist da, ein ganz menschliches Bedürfnis.

Ich finde es wunderbar, dass es Einrichtungen wie die Caritas gibt, die Menschen auffangen und ihnen Raum und Platz geben, wo es im Leben Schwierigkeiten gibt – egal ob psychische Probleme, Krankheit, Armut, Schulden oder einfach eine schwierige Lebenssituationen.
Eine Einrichtung, zu der Menschen einfach kommen können, egal mit welchen Problemen, aus welchem Umfeld, mit welcher Herkunft.
Es ist wesentlich und ein Ur-Bedürfnis, angenommen zu sein, wie man ist. Mit allen Fehlern, Problemen und Unzulänglichkeiten. Es ist wichtig, „Heimat“ zu haben. Einen Ort, an den ich kommen kann. Menschen zu finden, die sich auf mich freuen.

Hier am Montagmorgen ist ein Stück Heimat, um anzukommen, da zu sein, angenommen zu sein.
Im Dienst der Caritas ist ein zutiefst christlicher Auftrag erfüllt: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat“ (Röm. 15,7).

… und weil wir bald wieder Weihnachten haben noch ein Gedanke:
Gott ist Mensch geworden. Ganz arm, ganz einfach. In einem Stall. Die Hirten – die Ärmsten am Rande der Gesellschaft – haben es zuerst erfahren dürfen. Jesus war immer dort, wo Menschen einsam, krank, schuldig, hilfsbedürftig, arm, klein…. waren – ganz normal, ganz alltäglich, ganz menschlich eben.
Jesus hätte sich Montagmorgens in der Frühstücksrunde bestimmt auch richtig wohl gefühlt.

Cornelia Stern

Ihre

Cornelia Stern
Ehrenamtliche im Frühstückstreff des Sozialpsychiatrischen Dienstes