Wenn der Datenschutz Hilfe verhindert

Ich arbeite seit über 20 Jahren in der Wohnungslosenhilfe. In diesem Arbeitsfeld ist es ganz besonders wichtig unbürokratisch und schnell Hilfe zu leisten. In der Fachsprache heißt das „niederschwellig“.

Bei uns werden wohnungslose Menschen sofort aufgenommen, bekommen etwas zum Essen, eine Möglichkeit zum Duschen, Wäsche zu waschen, schlafen. Weiterführende Hilfen werden besprochen, beantragt und teilweise sofort entschieden (manchmal nach telefonischer Rücksprache mit dem entsprechenden Amt).

So hat sich das System bewährt und knüpft unmittelbar an den Bedarfen der Menschen an.

Selbstverständlich halten wir uns als Caritasverband an den Datenschutz. Allerdings ist es wirklich schwierig nach den Richtlinien des Datenschutzes die Hilfe für Wohnungslose in der jetzigen (und meiner Meinung nach auch richtigen) Form aufrecht zu halten.

Beispiele gefällig:
Wenn wir im Team über die Bewohner sprechen, brauchen wir vorher die Genehmigung dazu. Im Protokoll dürfen auch keine vollständig ausgeschriebenen Namen stehen. Wissen Sie wie schwierig es geworden ist unser eigenes Protokoll zu lesen? Wissen Sie wie aufwändig es ist von jedem Bewohner die entsprechende Genehmigung zu erhalten? Was machen wir mit psychisch kranken Menschen die nichts, aber auch gar nichts unterschreiben, aber auch nicht ins Hilfesystem für Menschen mit psychischen Problemen gehen?

Die Daten jedes Wohnungslosen müssen wir „wenn der Fall abgeschlossen ist“ löschen. Aber wann ist der „Fall abgeschlossen“? Wenn er weitergezogen ist? Möglicherweise kommt er in ein paar Wochen wieder – so wie es häufig der Fall ist. Vielleicht aber auch nicht. Menschen die jeden Monat vorbei kommen, müssen dann die immer gleichen Fragen immer wieder und wieder beantworten. Laut einem Juristen dürfte ich die Daten nicht mal aufbewahren, wenn der Wohnungslose mich darum bittet, was ich nicht glauben kann.

Es ist jetzt ein paar Wochen her, da ist ein Mann zu uns gekommen, der auf jede Frage die ich ihm stellte geantwortet hat: „ich bin bereits tot“. Mehr Antworten gab es nicht. Sie können mir glauben: es ist in unserem Sozialstaat wirklich schwierig unter Einhaltung des Datenschutzes in einem solchen Fall Hilfe zu leisten. Letztendlich habe ich mich an die Polizei gewandt. Er wurde u.a. deshalb gesucht, weil er eine ansteckende Krankheit hatte. Eine Meldung aller neu ankommenden Menschen an die Polizei, so wie es früher erfolgte, ist aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich. Schließlich ist er verschwunden.

Vor kurzem wollte ich Filmausschnitte einer von ART BANKETT und uns durchgeführten Veranstaltung, eine Poetry Slam Show, im Rahmen der Aktionswoche „ARMUT BEDROHT ALLE“ als Leitwort auf die Caritashomepage nehmen. Die Rückmeldung aus der EDV war: Haben wir die Einverständniserklärung der Künstler (soweit war mir das auch klar und ich war dran) und DES PUBLIKUMS? Hallo!? Des Publikums? Soll ich jeden Menschen der in eine öffentliche Veranstaltung geht an der Kasse fragen und unterschreiben lassen? Ist das im Fernsehen mittlerweile auch so (ich war schon lange nicht mehr in einer TV Show)? Ich habe es dann komplett gelassen.

Als ich dann eine E-Mail eines Geschäftspartners bekommen habe, in der ich ein Passwort bekomme, für eine weitere Mail und diese Mail mit dem Passwort öffnete in der stand, dass er sich auf unseren gemeinsamen Termin freue, da wurde mir klar: einfacher wird es in Zukunft sicherlich nicht unbürokratische Hilfe leisten zu können.

Ich wünsche ihnen Allen, liebe unbekannte Leser, eine schöne Adventszeit und schon jetzt: besinnliche Weihnachten!

C.F. aus B.-B.
Fachber. WLH