„Die Tafeln entlassen den Sozialstaat aus seiner Verantwortung.“
„Die Tafeln verfestigen Notlagen der Menschen und helfen ihnen nicht, sich daraus zu befreien.“
„Die Tafelkunden werden mit Almosen abgespeist.“
„Die Tafeln dienen dazu, dass kollektive schlechte Gewissen zu beruhigen.“

Ja, die Tafeln bewegen sich auf einem schmalen Grat mit ihrer Form der Hilfe. Es besteht im System Tafel tatsächlich die Gefahr, dass der Sozialstaat privatisiert wird, Bedürftigen Eigenverantwortung abgenommen wird, Mitmenschen zu Almosenempfängern herabgewürdigt werden und wir unser sattes, schlechtes Gewissen damit beruhigen, die Tafeln gut zu finden und zu unterstützen.

Ich kann für die Baden-Badener Tafel sprechen, die der Caritasverband seit Sommer 2008 betreibt. Neben wenigen Hauptamtlichen engagieren sich hier über 90 Ehrenamtliche.
Etliche Lebensmittelhändler geben an die Baden-Badener Tafel Waren ab und viele Menschen und Organisationen unterstützen das Projekt mit Spenden. Es gibt Dienstpläne, Besprechungen, Öffentlichkeitsarbeit, die Hygienevorschriften werden umgesetzt, die Nachweise der Bedürftigkeit der Kunden werden erfasst und Einnahmen und Ausgaben fürs Finanzamt dokumentiert.
Organisatorisch läuft die Baden-Badener Tafel sehr gut, sie genießt einen guten Ruf. Die tagtägliche Arbeit macht Spaß und ist erfolgreich. Über 1.000 Bedürftige nutzen das Angebot.
Um zu erfassen, was Tafelarbeit in Baden-Baden beinhaltet, muss man jedoch mehr wissen.
Unsere Kunden können nur eine bestimmte Anzahl von Artikeln kaufen. Was sie jedoch kaufen und zu welcher Uhrzeit, innerhalb der Öffnungszeiten, sie zu uns kommen, steht ihnen frei.
Wir schenken unseren Kunden nichts. Wir erwarten dafür aber auch keinen Dank für unsere Mildtätigkeit. Die Waren kosten 10 bis 20 % des normalen Preises. Innerhalb dieses Rahmens gestalten wir entsprechend Angebot und Nachfrage.

Ein Geschoss über unserem Tafelladen arbeitet ein Team von Sozialarbeitern in unterschiedlichen Beratungsdiensten. Wenn unsere Kunden außer finanzieller Not weitere Probleme haben, wird Ihnen direkt qualifizierte Beratung vermittelt.

Ich kenne keinen Helfer und keinen Spender, der ein schlechtes Gewissen hat und es durch die Tafel zu beruhigen sucht.
Ich kenne aber Unterstützer, die sich so wie sie können solidarisch zeigen mit unseren Mitbürgern die am Existenzminimum leben: die einen Spenden Geld, die andern bringen Lebensmittel, wieder andere arbeiten zuverlässig im Laden mit oder organisieren Aktionen um Geld zu sammeln oder über das Angebot zu informieren.
Ein Drittel dieser Helfer lebt selbst von Hartz IV oder Grundsicherung. Sie freuen sich, dass sie gebraucht werden und ihr Wissen und ihre Fähigkeiten einbringen können. Und sie arbeiten Hand in Hand mit allen anderen Helfern.

Wir werden auf allen Ebenen nicht aufhören, den Sozialstaat in die Pflicht zu nehmen und den Menschen, die zu uns kommen zu ihrem Recht zu verhelfen.
Wir wollen aber auch nicht aufhören, mit Einrichtungen wie der Baden-Badener Tafel den Menschen die Gelegenheit zu bieten, sich solidarisch zu zeigen, die eigene Verantwortung als Teil der Gesellschaft wahrzunehmen.
Wir wollen nicht aufhören, Begegnungen zu ermöglichen zwischen arm und reich, schwarz und weiß, jung und alt.
Wir wollen nicht aufhören, hinauszutragen, dass es Freude macht, zu helfen und etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen.

Deshalb erteilen wir allen, die die Schließung der Tafeln fordern, für Baden-Baden vorerst eine Absage.

Ekkehard Janson Fachbereichsleiter Offene Dienste