Als ich anfing Malkurse zu geben, dachte ich, alle Teilnehmer in gleichen Einheiten, mit gleichen Inhalten und in gleichem Tempo unterrichten zu können. Die Kurse waren auch so konzipiert, der Ablauf wäre einfacher gewesen. Sehr schnell aber musste ich dieses Konzept korrigieren.

Auch im diesjährigen Porträtmalkurs, den ich in der Tagesstätte für psychisch erkrankte Menschen im Caritaszentrum Cäcilienberg an acht Nachmittagen anbieten durfte, verhielt es sich nicht anders. Obwohl es sich bei den Teilnehmern hier um ‚Mal-Neulinge’ handelte, in einer ganz besonderen Situation, war ich erstaunt, wie schnell sich bei jedem einzelnen seine ganz persönliche Herangehens- und Ausdrucksweise herauskristallisierte. Der eine griff beherzt in den Farbtopf und malte sehr mutig, expressiv und schwungvoll ein großes Porträt, der andere näherte sich eher vorsichtig und akribisch an das Thema Porträt an. Die einen bevorzugten kräftige Farben, die anderen eher zarte und blasse. Bei einigen fand das seelische Befinden seinen direkten und zum Teil auch berührenden Ausdruck im gemalten Porträt, wieder andere wollten sich mit etwas mehr Distanz heranwagen oder sahen es nur als Entspannung. Auch der Umgang in der Anwendung des Gelernten war ein sehr individueller. Es gab Teilnehmer, die mit viel Ruhe, Geduld und Zuversicht arbeiteten, andere kämpften mehr, waren eher etwas ungeduldig, weil sich das, was an Erlerntem im Kopf saß, nicht so schnell über den Arm, die Hand und den Pinsel auf die Leinwand bringen ließ.

Allen gemeinsam war aber eines: Sie hatten unwillkürlich einen ganz persönlichen und ihren ganz eigenen Weg beschritten. Und mir ist einmal mehr klar geworden, wie wenig es gebracht hätte, hier alle nach gleichem Schema zu unterrichten und allen die gleiche Vorgehensweise mit gleichem Ergebnis abzuverlangen. Einen Menschen, der gerne mit dünnem Pinsel und zarten Farben malt, weil es nun mal seinem Wesen sehr viel mehr entspricht, macht es nicht glücklich und es bringt ihm auch nichts, wenn er zu expressivem Malen angehalten wird. Und umgekehrt natürlich auch.

Spätestens als einige der Teilnehmer ein zweites Porträt in Angriff nahmen und dieses dann dem jeweiligen Künstler auch eindeutig zugeordnet werden konnte, war diese persönliche Handschrift für jeden sichtbar. Und mir blieb nur noch die spannende und herausfordernde Aufgabe, zwar allen ein gemeinsames Handwerkszeug wie Proportionen, Farbenlehre, Aufbau eines Porträts etc. mitzugeben, hauptsächlich aber jeden Einzelnen bei seinem ganz individuellen Ausdruck zu unterstützen und zu stärken. Und geht es nicht genau darum?

Die uns persönlich ganz eigenen Fähigkeiten, die uns persönlich ganz eigenen Erfahrungen, von Freude und Glück bis Trauer und Schmerz, und der uns ganz eigene Umgang damit – das bestimmt genauso, wie es die Ausgestaltung einer Leinwand bestimmt, die Gestaltung unseres individuellen Lebensweges. Es gibt nicht ‚den’ Weg, auch wenn diese Erkenntnis oft mit Angst und Unsicherheit verbunden ist.

Jeder von uns hat eine ganz persönliche, oft nicht immer nur einfache Geschichte, die ihn neben vielen anderen Dingen geprägt und seine Wahrnehmung der Welt, sein Fühlen, Denken und Handeln, beeinflusst hat und ein Leben lang beeinflussen wird. Wie in der Malerei, wo es allerdings viel selbstverständlicher und einfacher scheint, geht es darum, sich dieser individuellen Eigenheiten bewusst zu werden, sie zu reflektieren, zu akzeptieren, als etwas Positives anzusehen, mit allem, was dazugehört, und sie zur Gestaltung des ganz eigenen Lebensweges zu nutzen. Menschen, die andere auf diesem Weg ein Stück begleiten dürfen, können das dazu notwendige ‚Handwerkszeug’, einen objektiven Rahmen, mitgeben, aber, viel wichtiger noch, bei der Bewusstmachung und Reflexion der persönlichen Fähigkeiten und individuellen Eigenheiten helfen und so die Beschreitung des ganz eigenen Weges möglich machen.

Ihre
Marita Braun
Künstlerin aus Baden-Baden und
Ehrenamtliche in der Tagestätte für psychisch erkrankte Menschen im
Fachbereich Offene Dienste im Caritaszentrum Cäcilienberg