oder die Würde des Menschen ist unantastbar (Artikel 1 des Grundgesetzes)

Neulich in einem Krankenhaus am Rande einer badischen Kleinstadt:

Ich war zu Besuch bei einem Angehörigen. Beim abendlichen Spaziergang über den Krankenhausflur begegnete ich einer alten Dame mit schneeweißen Haaren. Sie stand barfuss, im sogenannten Flügelhemd mit heruntergelassenen Windelhosen völlig verzweifelt am Tresen zum Schwesternzimmer. Spontan ging ich auf sie zu und fragte ob ich ihr helfen könnte. Ich wurde von ihr ziemlich wüst beschimpft, reagierte darauf aber mit Verständnis und Ruhe. Schließlich gelang mir, die alte Dame zurück auf ihr Zimmer zu bringen. Trotz aller Professionalität war mir zum Heulen zumute.

Demenz geht uns alle an…

Stellen sie sich einmal folgendes vor: Sie sind gesund, können sehen, hören, schmecken, riechen, kurz gesagt: Sie haben alle Sinne beisammen. Sie haben auch Gefühle -soweit alles normal. Aber ihr Gehirn verlässt Sie langsam, schleichend. Sie können sich an immer weniger und weniger erinnern, können nicht mehr zusammenhängend denken.
Die Merkmale sind verschieden und verändern sich mit zunehmendem Abbau. Das schlägt auch auf ihr Verhalten nieder. Sie werden ängstlich, auch aggressiv, weil Sie die Veränderung die mit Ihnen passiert durchaus registrieren, sie aber nicht aufhalten können. Das Kurzzeitgedächtnis ist nahezu ausgelöscht, von der Gegenwart bis zur Kindheit wird immer mehr vergessen. Jetzt bräuchten sie besonders viel Zuwendung und Hilfe, stattdessen dämmern Sie in einem Altersheim vor sich hin, weil man Sie mit Psychopharmaka ruhiggestellt hat. Die Rede ist hier von Demenz. Die Demenz ist eine der häufigsten und schwerwiegendsten Erkrankungen im Alter. In Deutschland leiden mehr als eine Million Menschen darunter, Tendenz steigend. Statistisch gesehen wird jeder vierte Deutsche im Alter an einer Form der Demenz erkranken. Es gibt Fragen im Leben, die wir nicht stellen, weil wir uns vor der Antwort drücken wollen.

Mit der oft noch so vernichtend klingenden Diagnose Demenz gehen meist noch soziale Entwertung und Ausgrenzung einher, weil soziale Fähigkeiten verloren gehen können. Jeder Mensch hat jedoch das Verlangen etwas bewirken zu wollen, teilzuhaben und wertgeschätzt zu werden.

Das Selbstwertgefühl und die Selbstakzeptanz zu erhalten und zu stärken sind ein wichtiger Baustein in der Betreuung demenziell Erkrankter. Darin sehen wir als professionelle Pflegekräfte den Sinn unserer Arbeit.. Menschen die mit demenziell Erkrankten umgehen haben ein Gespür dafür, dass Wissen um Fakten allein nicht ausreicht Nur wer versteht kann sich einfühlen.

Unsere Aufgabe ist es Betroffenen eine Umgebung in guter Gesellschaft und in Sicherheit zu bieten,, damit sie nicht isoliert sind. Sie leben in dem Schutz den wir ihnen bieten.

Demenz geht uns alle an, denn das Recht auf ein menschenwürdiges Leben besteht auch im Pflegefall weiter, und auch dann, wenn das Gedächtnis schwindet und die Persönlichkeit sich verändert.

Auszug aus dem Leitbild unsererTagespflegestätte:
„Wertschätzender Umgang mit unseren Gästen und Mitarbeitern ist eine Grundhaltung unserer Arbeit.“

Jeder Mensch ist einzigartig. Als Team möchten wir die Persönlichkeitsrechte unserer
Tagespflegegäste achten. Wir begegnen ihnen respektvoll, und wahren ihre menschliche Würde – auch und gerade bei körperlicher und geistiger Veränderung.
Das Grundrecht auf Menschenwürde erlischt nicht wegen einer Demenz.
Die Würde des Menschen ist unantastbar, das ist uns selbstverständlich und das muss in unserer Gesellschaft selbstverständlich werden.

Ihre
Manuela Lang
Fachbereichsleiterin Altenhilfe