Not sehen und handeln.
Sticky
23 Jan 2019

Leitwort Januar 2019

Liebe Besucherinnen und Besucher unserer Homepage,
Liebe Freundinnen und Freunde des Caritasverbandes,

Ich hoffe und wünsche Ihnen, Sie haben 2019 gut begonnen und konnten auch noch etwas von der weihnachtlichen Botschaft in das neue Jahr mitnehmen.
Das neue Jahr ist in vielerlei Hinsicht interessant Kommunalwahl und Europawahl stehen an. Man darf gespannt sein, welche Auswirkungen diese Wahlen auf die Sozialpolitik auf den jeweiligen Ebenen hat; wie das Zusammenleben in Europa sich entwickelt und wie wir die sozialen Probleme in unserer Stadt gemeinsam angehen.
Die Caritas in Deutschland stellt das Jahr 2019 unter das Motto „sozial braucht digital“, ein Thema, das sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Aber auch im Bereich sozialer Dienstleistungen wird längst online gesucht, wenn es zum Beispiel um Haushaltshilfen für die alt gewordenen Eltern oder einen Beratungstermin in der Erziehungsberatung geht.
Kindergartenplätze werden längst online vergeben.
Es gibt auch schon eine größere Zahl Caritasverbände, die Onlineberatungen anbieten.
Die Onlineberatung kann niederschwellig einen ersten Zugang ermöglichen.
Auf jeden Fall können digitale Hilfsmittel auch das Leben von Menschen mit Behinderung erleichtern oder auch die Biografiearbeit mit dementiell Erkrankten oder die Pflege von Patienten erleichtern.
All das kann langfristig wohl keinen menschlichen Kontakt ersetzen, aber eventuell Zeit für Wichtiges bei diesen Kontakten „freischaufeln“ helfen.
Natürlich arbeiten auch wir im Caritasverband Baden-Baden mit Elektronik und digitalen Medien. Anders lässt sich ein mittelständischer Betrieb, der wir auch sind, heute nicht mehr führen. Onlineberatung oder ähnliches sind derzeit für uns noch Zukunftsmusik. Zunächst sind die digitalen Medien noch Hilfsmittel im Alltag. Noch bin ich auch ein bisschen skeptisch, aber es gilt abzuwarten, wie sich die Möglichkeiten entwickeln.

Was steht 2019 an beim Caritasverband Baden-Baden?
Die beiden Anfang 2018 begonnenen Projekte „Auswegweiser“ und „Lotse aus der Wohnungslosigkeit“ für langzeitarbeitslose und wohnungslose Menschen haben sich gut etabliert und werden in diesem Jahr fortgesetzt.
Nach wie vor ist erschwinglicher Wohnraum sehr rar.
Die Tagespflegestätten werden verstärkt nachgefragt. Wir denken an eine räumliche Erweiterung der Tagespflegestätte Steinbach.
Hier und in allen anderen Bereichen unserer Arbeit, von der Kinderkrippe bis zur Seniorenarbeit, versuchen wir, uns ständig weiterzuentwickeln. Dabei haben wir immer in erster Linie das Wohl und den Nutzen der uns anvertrauten Menschen im Blick.

Ohne Spender, Sponsoren und ehrenamtliche Hilfe wäre das nicht zu schaffen.

Ich danke allen, die uns bei unserer Arbeit unterstützen und wünsche allen Menschen in Baden-Baden und darüber hinaus ein gesegnetes Jahr 2019 und ein friedvolles Miteinander.
Das war mein letztes Leitwort zum Jahresbeginn.
Ende November werde ich in Ruhestand gehen.

Bleiben Sie der Caritasarbeit gewogen.

Ihr
Jochen Gebele
Geschäftsführender Vorstand

26 Nov 2018

Leitwort November 2018

Wenn der Datenschutz Hilfe verhindert

Ich arbeite seit über 20 Jahren in der Wohnungslosenhilfe. In diesem Arbeitsfeld ist es ganz besonders wichtig unbürokratisch und schnell Hilfe zu leisten. In der Fachsprache heißt das „niederschwellig“.

Bei uns werden wohnungslose Menschen sofort aufgenommen, bekommen etwas zum Essen, eine Möglichkeit zum Duschen, Wäsche zu waschen, schlafen. Weiterführende Hilfen werden besprochen, beantragt und teilweise sofort entschieden (manchmal nach telefonischer Rücksprache mit dem entsprechenden Amt).

So hat sich das System bewährt und knüpft unmittelbar an den Bedarfen der Menschen an.

Selbstverständlich halten wir uns als Caritasverband an den Datenschutz. Allerdings ist es wirklich schwierig nach den Richtlinien des Datenschutzes die Hilfe für Wohnungslose in der jetzigen (und meiner Meinung nach auch richtigen) Form aufrecht zu halten.

Beispiele gefällig:
Wenn wir im Team über die Bewohner sprechen, brauchen wir vorher die Genehmigung dazu. Im Protokoll dürfen auch keine vollständig ausgeschriebenen Namen stehen. Wissen Sie wie schwierig es geworden ist unser eigenes Protokoll zu lesen? Wissen Sie wie aufwändig es ist von jedem Bewohner die entsprechende Genehmigung zu erhalten? Was machen wir mit psychisch kranken Menschen die nichts, aber auch gar nichts unterschreiben, aber auch nicht ins Hilfesystem für Menschen mit psychischen Problemen gehen?

Die Daten jedes Wohnungslosen müssen wir „wenn der Fall abgeschlossen ist“ löschen. Aber wann ist der „Fall abgeschlossen“? Wenn er weitergezogen ist? Möglicherweise kommt er in ein paar Wochen wieder – so wie es häufig der Fall ist. Vielleicht aber auch nicht. Menschen die jeden Monat vorbei kommen, müssen dann die immer gleichen Fragen immer wieder und wieder beantworten. Laut einem Juristen dürfte ich die Daten nicht mal aufbewahren, wenn der Wohnungslose mich darum bittet, was ich nicht glauben kann.

Es ist jetzt ein paar Wochen her, da ist ein Mann zu uns gekommen, der auf jede Frage die ich ihm stellte geantwortet hat: „ich bin bereits tot“. Mehr Antworten gab es nicht. Sie können mir glauben: es ist in unserem Sozialstaat wirklich schwierig unter Einhaltung des Datenschutzes in einem solchen Fall Hilfe zu leisten. Letztendlich habe ich mich an die Polizei gewandt. Er wurde u.a. deshalb gesucht, weil er eine ansteckende Krankheit hatte. Eine Meldung aller neu ankommenden Menschen an die Polizei, so wie es früher erfolgte, ist aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich. Schließlich ist er verschwunden.

Vor kurzem wollte ich Filmausschnitte einer von ART BANKETT und uns durchgeführten Veranstaltung, eine Poetry Slam Show, im Rahmen der Aktionswoche „ARMUT BEDROHT ALLE“ als Leitwort auf die Caritashomepage nehmen. Die Rückmeldung aus der EDV war: Haben wir die Einverständniserklärung der Künstler (soweit war mir das auch klar und ich war dran) und DES PUBLIKUMS? Hallo!? Des Publikums? Soll ich jeden Menschen der in eine öffentliche Veranstaltung geht an der Kasse fragen und unterschreiben lassen? Ist das im Fernsehen mittlerweile auch so (ich war schon lange nicht mehr in einer TV Show)? Ich habe es dann komplett gelassen.

Als ich dann eine E-Mail eines Geschäftspartners bekommen habe, in der ich ein Passwort bekomme, für eine weitere Mail und diese Mail mit dem Passwort öffnete in der stand, dass er sich auf unseren gemeinsamen Termin freue, da wurde mir klar: einfacher wird es in Zukunft sicherlich nicht unbürokratische Hilfe leisten zu können.

Ich wünsche ihnen Allen, liebe unbekannte Leser, eine schöne Adventszeit und schon jetzt: besinnliche Weihnachten!

C.F. aus B.-B.
Fachber. WLH