Not sehen und handeln.
Sticky
10 Jan 2020

Leitwort Januar 2020

Dankbar wofür?

Die Bewohner unserer Tagespflege in der Cité bastelten kurz vor Weihnachten Sterne und Engel für den Weihnachtsbaum in der Einrichtung. Auf der gemeinsamen Weihnachtsfeier durfte jede/r einen Stern oder Engel mit seiner/ihrer ganz persönlichen Botschaft versehen, wofür er/sie dankbar ist.
Diese handbeschrifteten Unikate wurden anschließend Teil des weihnachtlichen Baumschmucks.
Die Botschaften sind zutiefst anrührend. Sie helfen, sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen.

Einige Beispiele will ich Ihnen nennen:

  • für meine Kinder, für meine Enkelkinder
  • für jeden Tag, den wir zusammenkommen können
  • dass wir jeden Tag aufstehen dürfen
  • für die Gesundheit und jeden Tag ein leckeres Essen
  • dass wir uns noch haben, dass wir noch zusammen sind
  • dass unsere Angehörigen soweit gesund sind
  • für die liebe Fürsorge
  • für die Kraft, die mir Gott gibt, um den Alltag zu bewältigen
  • dass ich Jesus und Maria habe
  • dass es Musik gibt
  • für meine Freiheit, Dinge selbst entscheiden zu können
  • für Frieden, Freude, Liebe
  • für ein Gespräch
  • für die gute Pflege durch meine Tochter
  • für die vielen Schutzengel, die mir unser Herrgott geschickt hat
  • für die vielen Erkenntnisse und die ganze Liebe in meinem Leben. Danke für das Leben.

Fühlen Sie sich getragen von der Dankbarkeit für das Geschenk Gottes: unser Leben.  Seien auch Sie ein Glücks- und Hoffnungsbringer für Ihre Familien und Freunde und für alle, die Ihrer Hilfe bedürfen.

Ihre

Angelika Berger
Geschäftsführender Vorstand

01 Dez 2019

Leitwort Dezember 2019

Der Mann am Bahnhof

Vor einigen Wochen habe ich einen Mann kennengelernt, der seit 2 Jahren ohne Wohnung in einer Unterbringung in Baden-Baden lebt und regelmäßig auf der runden Bank vor dem Bahnhof sitzt. Er hat mir erzählt, dass er studiert und viele Jahre als Stadtplaner gearbeitet hat. 2004 hatte er 4 Büros und 50 Angestellte.

Im Jahr 1995 hat er die „schönste Frau der Welt“ kennengelernt und im gleichen Jahr geheiratet. Sie war aus Paris. Aus diesem Grund hat er sich ein schönes Haus am Montmartre gekauft und lebte zeitweise in Paris und in Baden-Baden.

Sein Sohn (aus erster Ehe), der am 13.12.1970 geboren wurde ist 1994 gestorben, seine Frau am 01.05.2014.

Diese beiden Schicksalsschläge haben dazu geführt, dass er seine Firma, sein Haus, seine Freunde und sein ganzes Geld verlor.

Wenn Sie heute am Bahnhof einen Mann sitzen sehen sollten, mit einem Tetrapak Wein in der Hand,  schauen Sie nicht weg – vielleicht ist er es.

Grüßen Sie ihn von mir, er würde sich freuen. Ganz sicher, ich habe ihn gefragt.
Ich wünschen Ihnen eine schöne Adventszeit und bereits jetzt „Frohe Weihnachten“.

Christian Frisch

04 Sep 2019

Leitwort September 2019

Scham und Menschenwürde

Scham was ist das? Wir alle kennen das Gefühl. Scham löst Verletzlichkeit bis hin zu schmerzhaften Erinnerungen aus. Scham ist peinlich. Unser Körper reagiert darauf, oftmals z.B. mit Erröten. Der beschämte Mensch zieht sich zurück, er igelt sich ein, er flüchtet oder er geht in den Kampf. Die Würde des Menschen ist verletzt und dies kann durch andere (aktiv) oder durch sich selbst (passiv) geschehen.
Fällt Ihnen in diesem Moment eine Situation ein, wo und weshalb Sie errötet sind? Mir werden viele Situationen bewusst. Vor allem, wie das Umfeld auf meine Errötung reagierte. Der Mensch erinnert sich oftmals eher an die Reaktionen seines Umfeldes.

Zum Thema Menschenwürde und Scham bildet Dr. Stephan Marks (Sozialwissenschaftler, Supervisor und Sachbuch-Autor) Berufstätige, die mit Menschen arbeiten fort. Z. B. Seelsorger, Führungskräfte, Berater, Psychotherapeuten, Sozialpädagogen, Mediziner u.v.a..

Vor ein paar Jahren war ich bei einer seiner Fortbildungen. Das Thema hat mich nicht nur im Verlauf der Fortbildung beschäftigt, sondern auch im Anschluss. Ich habe mich selbst beo-bachtet: wo, wie und wann begegnet mir das Thema Scham im beruflichen aber auch privaten Kontext? Wie gehe ich mit Scham um? Wann und von wem wurde ich in meinem Leben beschämt? Aber auch: wann habe ich andere beschämt?

Das Gefühl Scham wird in unserer Gesellschaft tabuisiert. Es spricht kaum jemand darüber. Dabei ist die Scham nicht nur negativ, sie ist ein wichtiger Bestandteil unserer Entwicklung. Leon Wurmser sagt: „Scham ist die Wächterin der menschlichen Würde.“ Scham entwickelt sich in der frühen Kindheit ab ca. Mitte des 2. Lebensjahres. Die Scham wird über Generatio-nen weitergereicht in unterschiedlichen Kontexten wie z. B. Familie, Kindergarten, Schule u.v.a.
Scham ist nicht das Gleiche wie Beschämung. Scham ist eine natürliche Reaktion einer Person, wenn sie z.B. einen Fehler gemacht hat. Dagegen wird Beschämung ausgelöst, indem Menschen andere Personen mit Verachtung, Ausgrenzung, Bloßstellung oder Verhöhnung gegenübertreten.

Die Scham kann in vier Schwerpunkte unterteilt werden, die jedoch ineinanderfließen können.
Scham infolge von Missachtung, von Grenzverletzungen, von Ausgrenzung und Verletzung der eigenen Werte.
Ein Grundbedürfnis jedes Menschen ist Anerkennung. Wird dieses Bedürfnis verletzt, z. B. wenn Menschen nicht gesehen oder wie Luft behandelt werden, können aufgrund dieser Missachtung Schamgefühle entstehen. Diese werden auch ausgelöst, wenn körperliche oder seelische Grenzen überschritten werden oder wenn öffentlich die Privat- oder Intimsphäre verletzt wird. Ein weiteres Grundbedürfnis des Menschen ist die Zugehörigkeit. Wird diese verletzt, indem Ausgrenzungen geschehen, weil Menschen als „anders“ als „schwach“ bewertet werden z. B. Arbeitslose, psychisch Kranke, Arme, Behinderte – dann schämt sich die be-troffene Person für ihr Dasein. Schamgefühle können auch durch Verletzung der eigenen Werte und der persönlichen Integrität entstehen.

Marks sagt: „Die Würde eines Menschen zu achten, bedeutet damit – aus der Sicht der Schampsychologie – ihm oder ihr überflüssige, vermeidbare Scham ersparen. Das heißt, einen „Raum“ zur Verfügung zu stellen, in dem er oder sie Anerkennung, Schutz, Zugehörigkeit und Integrität erfährt.“

Mit diesem Artikel möchte ich Sie zum einen darauf aufmerksam machen, dass nicht nur wir Mitarbeiter*innen am Arbeitsplatz mit unseren Klienten achtsam umgehen sollten, sondern jeder in unserer Gesellschaft sollte sich bewusstmachen, wie die Würde meines Gegenübers geachtet werden kann. Zum anderen möchte ich Sie neugierig machen, sich mit dem Thema Scham zu beschäftigen.

Es grüßt Sie herzlich
Isolde Jenc
Mitarbeiterin in der Gemeindepsychiatrie und Gemeindecaritas
Sozialarbeiterin/-pädagogin (B.A.)
Gestalttherapeutin und Systemische Beraterin

01 Jul 2019

Leitwort Juli 2019

In Baden-Baden sind seit 2015 weit über 1000 geflüchtete Menschen, aus den unterschiedlichsten Fluchtgründen angekommen. Auf Grund verschiedener internationaler Übereinkünfte, kommen derzeit nur noch wenig „neue“ Flüchtlinge in Deutschland und somit auch bei uns in Baden-Baden an.

War in den Jahren 2015 bis 2016 eine hohe Bereitschaft in der Gesamtbevölkerung vorhanden, diese Menschen ehrenamtlich durch Begrüßungscafés, Sprachkurse, Patenschaften und vielem mehr zu unterstützen, so stagniert seit 2017 die Zahl der ehrenamtlichen Helfer. Seit Ende 2017 ist diese sogar rückläufig, auch wenn viele Ehrenamtliche der ersten Stunden einen langen Atem beweisen und weiterhin aktiv sind. Doch gerade in der jetzigen Zeit, nachdem Menschen in Anschlussunterkünften untergebracht und entsprechende Grundbedürfnisse versorgt sind, „beginnt“ die eigentliche Arbeit – die Integration in unserer Gesellschaft.

Als ich vor kurzem ein Beratungsgespräch mit einer Ehrenamtlichen führte, stellte Sie mir die Frage, was denn eigentlich Integration genau bedeutet? Versetzen Sie sich einmal in meine Situation, wie würden Sie Integration erklären?

Natürlich konnte auch ich, ihr die hierzu übliche Erklärung – Wohnraum, Sprache, Ausbildung/ Arbeit, Vereinsmitgliedschaft, … – liefern, dennoch beschäftigte mich die Frage weiter, was mir Anlass gab, mich mit der Begriffsbestimmung von Integration genauer zu beschäftigen.

Laut „Fact Sheet Begriffsklärung Integration und Inklusion“ des deutschen Caritasverbandes geht es um die Frage des Zugangs zu und der Teilhabe an den gesellschaftlichen Teilsystemen wie Bildung, Beruf, Wohnen, Gesundheit, etc …

„Die Katholische Kirche in Deutschland und ihre Caritas meinen mit Integration wechselseitige und vielschichtige Prozesse, die sich in der Gesellschaft und zwischen ihren einzelnen Angehörigen abspielen und sie verändern. Jeder Beteiligte akzeptiert, zu einem Teil des Ganzen zu werden und verpflichtet sich dazu, die Würde und Integrität des anderen zu respektieren. Bei der Integration geht es nicht darum, Menschen in etwas Bestehendes und Statisches einzugliedern oder sie daran anzugleichen. Es geht vielmehr darum, Teilhabechancen zu gewährleisten und die Gesellschaft gemeinsam zu gestalten. Hauptakteure in diesen Prozessen sind die Menschen selbst. Dieser Prozess wird durch vielerlei private Initiativen, Organisationen und staatliche Institutionen gefördert. Aus ihrem Selbstverständnis heraus engagiert sich die Katholische Kirche und ihre Caritas stark für die Integration. Integrationsprozesse finden in unterschiedlichen Lebensbereichen statt und hängen von gesellschaftlichen Bedingungen sowie vorherrschenden Handlungs- und Denkmustern ab. Dies fordert von den jeweiligen Akteuren unterschiedliche Anstrengungen. Für Einzelne – ob mit oder ohne Migrationshintergrund – kann das bedeuten, Einstellungen und Verhalten an geänderte Rahmenbedingungen anpassen zu müssen. Für Institutionen bedeutet es, sich zu öffnen und Zugangshindernisse zu beseitigen.“ (Miteinander leben. Perspektiven des deutschen Caritasverbandes zur Migration- und Integrationspolitik. Freiburg, 2008, S. 5.)

Laut diesen Definitionen wird deutlich, warum es einen langen Atem in der Arbeit mit Migranten benötigt, denn Integration ist als Prozess zu verstehen, der fortlaufend ist und dessen Ende nicht definiert werden kann.

Adrian Struch
Projektkoordinator „Werkstatt Integration“
Unterstützung und Begleitung von Ehrenamt in der Flüchtlingsarbeit

06 Mai 2019

Leitwort Mai 2019

Die Demenz-WG

Die Diagnose Demenz ist sowohl für den Betroffenen als auch insbesondere den oder die Angehörigen ein großer Schock. Die Diagnose „frontotemporale Demenz“ (sehr selten, ca. 27.000 Betroffene in Deutschland) geradezu eine Hiobsbotschaft. Durch den Persönlichkeitswandel ist diese Art der Demenz besonders für das Umfeld eine riesengroße Herausforderung. Meist tritt die Krankheit in jüngeren Jahren auf. So auch bei meiner Frau mit ca. 57 Jahren. Über 4 Jahre erstreckte sich die Pflege zu Hause. Aber irgendwann ging es ohne Hilfe und insbesondere medizinische Hilfe nicht mehr. 2014 musste meine Frau ins Krankenhaus mit Thrombose und schwerer Kolitis bei gleichzeitiger aggressiver Verschärfung der Demenz. Danach drei Monate Kurzzeitpflege in einem Alters- und Pflegeheim. Und das war auf Dauer nicht zu ertragen. Sie war viel zu jung für solch eine Institution. Die Alternative war: sie wieder zu Hause pflegen.

Und genau zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich von meinen Nachbarn von der Eröffnung einer Demenz-Wohngemeinschaft der Caritas in Baden-Baden mit dem schönen Namen „Bonjour la vie“.

Und das war ein Glück. Endlich eine Wohnform, die sowohl den Patienten als auch den Angehörigen in den Mittelpunkt stellt. Wohnen wie zu Hause. In Würde und trotzdem betreut.

Mit Freiheit und Gestaltungsmöglichkeit. Aber auch mit größerer Verantwortung.

Wohnen wie zu Hause bedeutet, dass der Demenz-Kranke soweit selbstbestimmt wie möglich leben kann. Er hat sein eigenes Zimmer (insgesamt 12), und das kann individuell eingerichtet werden. Leistungen wie Pflege, Miete, Verpflegung und Betreuung werden zugekauft.

Bei zwölf Bewohnern, die tagsüber von zwei Mitarbeiterinnen und von einer Nachtschicht betreut werden, ist Nähe und Individualität selbstverständlich wesentlich größer als zum Beispiel in einem Pflegeheim. Ganz davon abgesehen, dass Demenz in Fragen der Betreuung außerordentlich anspruchsvoll ist. Wenn dann noch die medizinische Pflege direkt vor Ort beheimatet ist, darf man sicherlich von einer vorbildlichen Einrichtung sprechen mit wegweisendem Charakter für künftige Wohnformen für Demenzkranke.

Der wirklich entscheidende Punkt für mich aber war, nicht mit dem Gefühl leben zu müssen, „einen Menschen abgeschoben“ zu haben. Ein Problem, das es fast allen Angehörigen schwer macht, fremde Hilfe anzunehmen. In einer Demenz-WG kann man sich einbringen. Kann bei dem Angehörigen sein. Es ist eben fast wie zu Hause. Jederzeit spazieren gehen, einkaufen, fernsehschauen, lesen und vorlesen, musizieren, gemeinsam ohne Handy die Mahlzeiten am schön gedeckten Tisch einnehmen und, und, und. Da ich gerne koche, habe ich diesen Beitrag einmal die Woche in die WG eingebracht.

„Bonjour la vie“, guten Tag Leben! Das ist der Sinn einer Demenz-WG. Ein Leben, das ohne das Korsett eines Alten- oder Pflegeheimes auskommt. Bei dem 12 Bewohner individuell betreut und medizinisch gepflegt werden. Eine Wohnform, bei der sich Angehörige in jeglicher Form einbringen dürfen und wo sie sich jederzeit auch selbst um ihre Liebsten kümmern können.

Ein würdiges und krankheitsgerechtes Leben für Demenz-Kranke und Ihre Angehörigen.
Eine Wohnform für die Zukunft.

Reinhold Brommer

23 Jan 2019

Leitwort Januar 2019

Liebe Besucherinnen und Besucher unserer Homepage,
Liebe Freundinnen und Freunde des Caritasverbandes,

Ich hoffe und wünsche Ihnen, Sie haben 2019 gut begonnen und konnten auch noch etwas von der weihnachtlichen Botschaft in das neue Jahr mitnehmen.
Das neue Jahr ist in vielerlei Hinsicht interessant Kommunalwahl und Europawahl stehen an. Man darf gespannt sein, welche Auswirkungen diese Wahlen auf die Sozialpolitik auf den jeweiligen Ebenen hat; wie das Zusammenleben in Europa sich entwickelt und wie wir die sozialen Probleme in unserer Stadt gemeinsam angehen.
Die Caritas in Deutschland stellt das Jahr 2019 unter das Motto „sozial braucht digital“, ein Thema, das sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Aber auch im Bereich sozialer Dienstleistungen wird längst online gesucht, wenn es zum Beispiel um Haushaltshilfen für die alt gewordenen Eltern oder einen Beratungstermin in der Erziehungsberatung geht.
Kindergartenplätze werden längst online vergeben.
Es gibt auch schon eine größere Zahl Caritasverbände, die Onlineberatungen anbieten.
Die Onlineberatung kann niederschwellig einen ersten Zugang ermöglichen.
Auf jeden Fall können digitale Hilfsmittel auch das Leben von Menschen mit Behinderung erleichtern oder auch die Biografiearbeit mit dementiell Erkrankten oder die Pflege von Patienten erleichtern.
All das kann langfristig wohl keinen menschlichen Kontakt ersetzen, aber eventuell Zeit für Wichtiges bei diesen Kontakten „freischaufeln“ helfen.
Natürlich arbeiten auch wir im Caritasverband Baden-Baden mit Elektronik und digitalen Medien. Anders lässt sich ein mittelständischer Betrieb, der wir auch sind, heute nicht mehr führen. Onlineberatung oder ähnliches sind derzeit für uns noch Zukunftsmusik. Zunächst sind die digitalen Medien noch Hilfsmittel im Alltag. Noch bin ich auch ein bisschen skeptisch, aber es gilt abzuwarten, wie sich die Möglichkeiten entwickeln.

Was steht 2019 an beim Caritasverband Baden-Baden?
Die beiden Anfang 2018 begonnenen Projekte „Auswegweiser“ und „Lotse aus der Wohnungslosigkeit“ für langzeitarbeitslose und wohnungslose Menschen haben sich gut etabliert und werden in diesem Jahr fortgesetzt.
Nach wie vor ist erschwinglicher Wohnraum sehr rar.
Die Tagespflegestätten werden verstärkt nachgefragt. Wir denken an eine räumliche Erweiterung der Tagespflegestätte Steinbach.
Hier und in allen anderen Bereichen unserer Arbeit, von der Kinderkrippe bis zur Seniorenarbeit, versuchen wir, uns ständig weiterzuentwickeln. Dabei haben wir immer in erster Linie das Wohl und den Nutzen der uns anvertrauten Menschen im Blick.

Ohne Spender, Sponsoren und ehrenamtliche Hilfe wäre das nicht zu schaffen.

Ich danke allen, die uns bei unserer Arbeit unterstützen und wünsche allen Menschen in Baden-Baden und darüber hinaus ein gesegnetes Jahr 2019 und ein friedvolles Miteinander.
Das war mein letztes Leitwort zum Jahresbeginn.
Ende November werde ich in Ruhestand gehen.

Bleiben Sie der Caritasarbeit gewogen.

Ihr
Jochen Gebele
Geschäftsführender Vorstand

26 Nov 2018

Leitwort November 2018

Wenn der Datenschutz Hilfe verhindert

Ich arbeite seit über 20 Jahren in der Wohnungslosenhilfe. In diesem Arbeitsfeld ist es ganz besonders wichtig unbürokratisch und schnell Hilfe zu leisten. In der Fachsprache heißt das „niederschwellig“.

Bei uns werden wohnungslose Menschen sofort aufgenommen, bekommen etwas zum Essen, eine Möglichkeit zum Duschen, Wäsche zu waschen, schlafen. Weiterführende Hilfen werden besprochen, beantragt und teilweise sofort entschieden (manchmal nach telefonischer Rücksprache mit dem entsprechenden Amt).

So hat sich das System bewährt und knüpft unmittelbar an den Bedarfen der Menschen an.

Selbstverständlich halten wir uns als Caritasverband an den Datenschutz. Allerdings ist es wirklich schwierig nach den Richtlinien des Datenschutzes die Hilfe für Wohnungslose in der jetzigen (und meiner Meinung nach auch richtigen) Form aufrecht zu halten.

Beispiele gefällig:
Wenn wir im Team über die Bewohner sprechen, brauchen wir vorher die Genehmigung dazu. Im Protokoll dürfen auch keine vollständig ausgeschriebenen Namen stehen. Wissen Sie wie schwierig es geworden ist unser eigenes Protokoll zu lesen? Wissen Sie wie aufwändig es ist von jedem Bewohner die entsprechende Genehmigung zu erhalten? Was machen wir mit psychisch kranken Menschen die nichts, aber auch gar nichts unterschreiben, aber auch nicht ins Hilfesystem für Menschen mit psychischen Problemen gehen?

Die Daten jedes Wohnungslosen müssen wir „wenn der Fall abgeschlossen ist“ löschen. Aber wann ist der „Fall abgeschlossen“? Wenn er weitergezogen ist? Möglicherweise kommt er in ein paar Wochen wieder – so wie es häufig der Fall ist. Vielleicht aber auch nicht. Menschen die jeden Monat vorbei kommen, müssen dann die immer gleichen Fragen immer wieder und wieder beantworten. Laut einem Juristen dürfte ich die Daten nicht mal aufbewahren, wenn der Wohnungslose mich darum bittet, was ich nicht glauben kann.

Es ist jetzt ein paar Wochen her, da ist ein Mann zu uns gekommen, der auf jede Frage die ich ihm stellte geantwortet hat: „ich bin bereits tot“. Mehr Antworten gab es nicht. Sie können mir glauben: es ist in unserem Sozialstaat wirklich schwierig unter Einhaltung des Datenschutzes in einem solchen Fall Hilfe zu leisten. Letztendlich habe ich mich an die Polizei gewandt. Er wurde u.a. deshalb gesucht, weil er eine ansteckende Krankheit hatte. Eine Meldung aller neu ankommenden Menschen an die Polizei, so wie es früher erfolgte, ist aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich. Schließlich ist er verschwunden.

Vor kurzem wollte ich Filmausschnitte einer von ART BANKETT und uns durchgeführten Veranstaltung, eine Poetry Slam Show, im Rahmen der Aktionswoche „ARMUT BEDROHT ALLE“ als Leitwort auf die Caritashomepage nehmen. Die Rückmeldung aus der EDV war: Haben wir die Einverständniserklärung der Künstler (soweit war mir das auch klar und ich war dran) und DES PUBLIKUMS? Hallo!? Des Publikums? Soll ich jeden Menschen der in eine öffentliche Veranstaltung geht an der Kasse fragen und unterschreiben lassen? Ist das im Fernsehen mittlerweile auch so (ich war schon lange nicht mehr in einer TV Show)? Ich habe es dann komplett gelassen.

Als ich dann eine E-Mail eines Geschäftspartners bekommen habe, in der ich ein Passwort bekomme, für eine weitere Mail und diese Mail mit dem Passwort öffnete in der stand, dass er sich auf unseren gemeinsamen Termin freue, da wurde mir klar: einfacher wird es in Zukunft sicherlich nicht unbürokratische Hilfe leisten zu können.

Ich wünsche ihnen Allen, liebe unbekannte Leser, eine schöne Adventszeit und schon jetzt: besinnliche Weihnachten!

C.F. aus B.-B.
Fachber. WLH

12 Sep 2018

Leitwort September 2018

Der Sozialpsychiatrische Dienst (SpDi) des Caritasverbandes Baden-Badene.V.
– die Sicht eines betroffenen Ratsuchenden

Ich wurde seitens des Caritasverbandes gefragt, ob ich das nächste Leitwort schreiben wolle. Ich stellte mir die Frage, was der SpDi eigentlich für Betroffene bedeutet, und zwar in Krisenzeiten, in stabilen und instabilen Phasen. Und wie können sie davon profitieren, objektiv bzw. subjektiv.

1996 trat ich das erste Mal in Kontakt mit dem Caritasverband, wobei ich ein Psychose-Seminar als Teilnehmer und als Mitarbeiter der Werkstatt der Lebenshilfe begleitete. Ich war schon damals von der Arbeit dieser Leute beeindruckt. Ich selbst bin seit 1981 immer wieder an Psychosen und Depressionen erkrankt – also chronisch psychisch krank. Meine vorherigen Erfahrungen mit Kliniken, Ärzten, Ämtern und Einrichtungen kann man nicht als durchgängig positiv bezeichnen.

Etwa zwei Jahre später nahm ich das erste Mal die Dienste des SpDi in Anspruch, indem ich zur Beratung ging, und danach immer wieder einmal. Seit ein paar Jahren habe ich ein monatliches Begleitgespräch über mich, meine Situation und mein Umfeld. Durch die Vermittlung des Caritasverbandes Baden-Baden bin ich schließlich ehrenamtlicher Mitarbeiter der IBB (Informations-, Beratungs- und Beschwerdestelle) Baden-Baden/Rastatt geworden. Aber das nur am Rande.

Wichtig für mich bei den Beratungsstunden war immer der Austausch auf Augenhöhe, der hier tatsächlich stattfindet. Sicherlich, in Krisenzeiten gibt es nicht immer eine Lösung oder eine Abwendung des Krankheitsausbruchs, aber der Kranke wird mit seinem Dilemma nicht allein gelassen. In instabilen Phasen kann der Mitarbeiter des SpDi mit konkretem Rat und Begleitung – bis hin zur Klinikpforte – oftmals hilfreich intervenieren. In stabilen Zeiten dagegen den Betroffenen stärken und in seiner positiven Haltung bestätigen.

In der Begleitung psychisch erkrankter Menschen stößt auch der SpDi an seine Grenzen, wenn es um akute Notfälle geht. Aber wir Betroffenen wissen auch, dass in diesen akuten Krisenzeiten letztendlich der Arzt bzw. eine Klinik gefragt ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es immer auf die Zusammenarbeit und das gegenseitige Vertrauen der beteiligten Personen ankommt.

Wir Betroffenen können durchaus vom Angebot des SpDi profitieren. Dazu gehören auch Freizeit-, Beschäftigungs- und Arbeitsangebote. Wir haben die Möglichkeit, in Gemeinschaft mit anderen Betroffenen und den Mitarbeitenden unsere Möglichkeiten und inneren Werte besser zu begreifen und uns auch mitzuteilen.

Also: Das war es in Kürze. Ich hoffe, den ein oder anderen neugierig gemacht zu haben.

Übrigens: Der Caritasverband bzw. der SpDi sucht immer wieder ehrenamtliche Mitarbeiter, die bereit sind, Vorurteile und Berührungsängste beiseite zu schieben und sich dort einzubringen.

 

 

 

 

Olaf Schädlich
Betroffener und Ehrenamtlicher der IBB-Stelle Baden-Baden / Rastatt

03 Jul 2018

Leitwort Juli 2018

Bei Vorüberlegungen zu diesem Leitwort zum Caritas-Jahresthema kam mir der Gedanke, ich sollte mal nachschauen, ob sich die Bibel zum Thema Wohnungslosigkeit äußert.
Natürlich ist die Bibel kein Handbuch zur Lösung aktueller tagespolitischer Fragen, doch gibt sie sehr wohl richtungsweisende Impulse für menschliches Handeln.
Und siehe da, ich wurde fündig: Gott selbst ist wohnungslos!

So kommt das Jesuskind in einem Stall zur Welt, kein Platz in einem sicheren und bezahlbaren Quartier (Lk 2,7). Und der erwachsene Jesus wird einmal sagen, dass der Menschensohn nichts habe, wo er sein Haupt hinlegen könne, im Unterschied zu den Füchsen mit ihren Höhlen und den Vögeln mit ihren Nestern (Mt 8,20/Lk 9,58). Auch unterwegs sucht er immer wieder Quartier bei Menschen und lässt sich – ausgerechnet – vom verhassten Steuereintreiber Zachäus einladen (Lk 19,5f).

Gott auf Wohnungssuche; Gott möchte einkehren; Gott bittet um Aufnahme und sucht, wo er willkommen ist.
Aber, so könnte man einwenden, Gott hat doch Häuser, ganz viele, vom Petersdom angefangen bis zur improvisierten Gebetshütte.
Ich denke, da liegt ein Irrtum zugrunde: Gott residiert eben nicht in Pracht und Herrlichkeit in unseren Domen und Tempeln. Er ist vielmehr dort zu finden, wo die Obdachlosen sind, die Platte machen und vor U-Bahnschächten oder unter Brücken schlafen, bei denen, die ihr Leben nur noch durch Genuss von Drogen oder Alkohol irgendwie hinzukriegen versuchen; bei den Frauen und Männern, die in Wohnheimen und Notunterkünften leben.

Das Menschenrecht auf Wohnraum wurde dadurch hinweggefegt, dass Wohnungen längst zu Renditeobjekten geworden sind, so wie langsam immer mehr Gesellschaftsbereiche ökonomisiert und Menschen nur nach dem Kriterium ihrer Nützlichkeit und nicht ihrer Würde betrachtet werden. Gerät so der Art. 1 GG, dass die Würde des Menschen unantastbar sei, nicht zu einer bösartigen Satire?
Und wir, die wir uns Christen nennen und somit den Beinamen (Titel) Jesu von Nazareth auf uns beziehen?

Die Lösung finde ich zum einen bei Jesaja (58,7), wo es bezüglich der menschlichen Gerechtigkeit heißt: „Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden …“?, sowie bei Matthäus (25,35): „…Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“

Doch ich fürchte, dass auch heute nach 2000 Jahren in der Herberge noch immer kein Platz wäre, wenn Gott seinen Sohn in diesen Tagen wieder zu uns auf die Erde schicken würde.
Wir als Caritas-Verband, aber auch als Wähler und Staatsbürger können gar nicht genug Druck auf die Politiker unseres reichen Landes machen, sich das jahrelange Versagen bezüglich sozialen Wohnungsbaus nicht nur einzugestehen, sondern endlich aktiv zu werden. Wenn wir uns immer wieder vor Augen halten, dass eine Begegnung mit dem Herrn erst einmal dort stattfindet, wo wir etwas für die geringsten Schwestern und Brüder tun (Mt 25), dann erst macht es Sinn, auch von einer Begegnung mit Jesus in der Liturgie im Hause des Herrn zu sprechen.

Und so lässt sich ja doch mit der Bibel in der Hand konkret Politik mitgestalten.
Dann kann sich erfüllen, was Johannes (14,23) Jesus sagen lässt: „Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.“

Ihr
Stefan Lutz-Bachmann, Diakon
Vorsitzender des Caritasrates

14 Mrz 2018

Augen auf bei der Berufswahl

»Nur wenn man etwas gerne tut, macht man es gut.«

Seit Monaten sind das Thema Pflege und der Fachkräftemangel endlich in der Öffentlichkeit und in der Politik angekommen. Absehbar ist das schon lange. Der demografische Wandel kommt ja nicht von heute auf morgen. Statistiken, die der Pflege eine düstere Zukunft vorhersagen, gibt es daher zur Genüge. Gute Versorgung von alten, pflegebedürftigen Menschen und gelingende Unterstützung ihrer pflegenden Angehörigen sind in der Gesellschaft des langen Lebens zu einer der größten gemeinschaftlichen Herausforderungen geworden. Das Berufsbild der Altenpflege wird zunehmend unattraktiv dargestellt. Doch es gibt auch positive Beispiele. Es ist mir eine Herzensangelegenheit aus der Perspektive einer Pflegenden Stellung zu nehmen, für die Pflege Berufung ist.

Beim Kennenlernen von Menschen wird unter anderem gern die Frage nach dem beruflichen Tun gestellt. Meine Antwort auf diese Frage: „Ich bin Altenpflegerin“. „Oh! – Ja?“ Die Augen weiten sich. „Das könnte ich nicht machen!“ oder „Ein schwerer Beruf!“. Manchmal auch nur stilles Zur-Kenntnis-Nehmen.

Die wenigsten Menschen fragen mich, was ich in diesem Beruf denn genau mache. Mein Eindruck auf diese so hilflos wirkenden Reaktionen: Ich fühle und spüre, dass es hier Erklärung bzw. Aufklärung bei der Mehrheit unserer Gesellschaft bedarf.

Altenpflege ist seit jeher eine humane Aufgabe. Auf Grund der demografischen Entwicklung unserer Bevölkerung werden aber immer mehr Menschen für diesen Beruf gebraucht. Dies kann nur gelingen, wenn dieser Beruf attraktiver gemacht wird. Unattraktive Dinge, wie wechselnde Arbeitszeiten, geteilte oder Schichtdienste etc. müssen durch entsprechende Entlohnung wettgemacht werden. In unserer Gesellschaft ist humanes, menschliches Verhalten zu wenig Anreiz, um darauf sein Leben zu begründen.

Altenpflegerin oder Altenpfleger zu sein, heißt für mich und die Personen mit diesem Beruf: Wir helfen alten Menschen, wir tun Dienst am alten Menschen. Wir Altenpfleger begleiten Menschen und tun Dienste an ihnen, die sonst kein anderer für sie tut oder tun kann.

Definition der Altenpflege:
Altenpflege ist Arbeit mit alten Menschen – sie wird ausgeführt mit den Händen, dem Herzen und dem Verstand.
Altenpflege ist ein Beziehungsprozess – die Fähigkeit, sich in Lebenssituationen, Erlebnis- und Bedürfnislage der alten Menschen hineinzuversetzen, ist eine wesentliche Voraussetzung für gute Pflege.
Altenpflege ist eine hochqualifizierte Leistung – bedeutet professionelle, ganzheitliche pflegerische Betreuung, Beratung und Begleitung von alten Menschen

Eine immer wiederkehrende schöne Erfahrung ist es, unmittelbar zu erleben, was ein hochbetagter Mensch alles selbstständig kann. Diese Menschen auf ihrem Lebensweg ein Stück zu begleiten, ist ein Geschenk. Ein Wachsen und Stärken der eigenen Persönlichkeit, soviel „gelebtes Leben“ zu erleben. Zu erfahren wie viel Interessen, Neugierde, Gefühle und Möglichkeiten in diesen alten Menschen stecken.

Es gibt sie: Attraktive Arbeitsplätze

Seit mehr als 20 Jahren arbeite ich in einem Team, in dem die Arbeitsatmosphäre geprägt ist von gegenseitigem Respekt, Anerkennung, der fachlichen Qualifikation und der Persönlichkeit der Mitarbeitenden. Wir sehen uns als Team und arbeiten kooperativ zusammen. Für uns bedeutet Team, ein aufgeschlossenes, tolerantes und ehrliches Miteinander! (Auszug aus unserem Leitbild)
Als Fachbereichsleitung der Tagespflegestätten in Baden-Baden und Steinbach bin ich überzeugt, dass es gelingen kann gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Dazu gehören gute Rahmenbedingungen. Mir ist natürlich bewusst, dass wir aufgrund der geregelten Arbeitszeiten vergleichsweise gut dran sind. Persönliche Entwicklungsmöglichkeiten, Arbeit in einem guten Team fördern ein erfolgsorientiertes und innovatives Arbeitsklima.

Arbeitszeit ist Lebenszeit: wie traurig muss es sein, wenn man dabei unglücklich ist!

Allen, die sich für diesen schönen Beruf entscheiden, wünsche ich von Herzen alles Gute!

Ihre
Manuela Lang
Fachbereichsleitung Altenhilfe