Not sehen und handeln.
03 Mrz 2011

„Die Tafeln entlassen den Sozialstaat aus seiner Verantwortung.“

„Die Tafeln entlassen den Sozialstaat aus seiner Verantwortung.“
„Die Tafeln verfestigen Notlagen der Menschen und helfen ihnen nicht, sich daraus zu befreien.“
„Die Tafelkunden werden mit Almosen abgespeist.“
„Die Tafeln dienen dazu, dass kollektive schlechte Gewissen zu beruhigen.“

Ja, die Tafeln bewegen sich auf einem schmalen Grat mit ihrer Form der Hilfe. Es besteht im System Tafel tatsächlich die Gefahr, dass der Sozialstaat privatisiert wird, Bedürftigen Eigenverantwortung abgenommen wird, Mitmenschen zu Almosenempfängern herabgewürdigt werden und wir unser sattes, schlechtes Gewissen damit beruhigen, die Tafeln gut zu finden und zu unterstützen.
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01 Mai 2010

Experten fürs Leben

Leben im Alter – die Caritas-Kampagne 2010

www.experten-fuers-leben.de

Geballtes Lebenswissen im Wartezimmer
Ich habe Zeit. Sitze im Warteraum einer Reha-Klinik und warte darauf, dass mich mein Physiotherapeut aufruft. Außer mir warten hier vorwiegend alte Menschen, in deren Gegenwart ich mir mit meinen 61 Jahren fast wie ein Jugendlicher vorkomme. Sie stützen sich auf Krücken, schieben einen Rollator vor sich her, wirken gebrechlich und tasten sich behutsam zu den Sitzmöbeln. Ich überschlage kurz das Durchschnittsalter und multipliziere mit der Anzahl der Anwesenden: rund eintausend Jahre dürften hier beisammensitzen. „Mein Gott“, denke ich, „welch eine Menge Leben, Lebenserfahrung, Weisheit, Kompetenz und Praxiswissen hier sitzt!“

Das Leben gelehrt
Da ist zum Beispiel der alte Herr, der immer eine Fliege trägt und stocksteif umherstolziert, weil er große Bandscheibenprobleme hat. Als ich höre, dass er früher Mathematik und Sport unterrichtet hat, bin ich versucht, ihn als Kollegen zu begrüßen: hat er nicht in vielen Dienstjahren Generationen von Schülerinnen und Schülern mit binomischen Formeln, Bruchrechung und Wurzelziehen, mit Klimmzügen und Turnübungen auf der Matte „malträtiert“? Hat er junge Leute kompetent auf die Universität oder besser noch aufs Leben vorbereitet, „non scholae sed vitae discimus“?

Experten fürs Überleben
Ich beobachte einen kleinen pummeligen Herrn, der sich sehr liebevoll um seine an Krücken daherkommende Frau kümmert, die nur noch ein intaktes Bein hat.
Sie sprechen in einer slawischen Sprache miteinander. Ein paar Tage später bekomme ich mit, wie er einem anderen Wartenden erzählt, dass sie aus dem Kosovo stammen und seiner Frau durch eine Tretmine das halbe linke Bein abgetrennt worden war. Hier in dieser ruhigen Klinik holt uns das Monster Krieg ein. Menschen, die Opfer wurden, die mit dem Leben davonkamen, die Experten fürs Überleben sind.

Kulinarische Höhenflüge

Und dann sind da die beiden rundlichen Damen – ich hätte sie fast für Mutter und Tochter gehalten –, die sich täglich hier treffen und vor allem über Rezepte austauschen. Es ist ein gastrosophischer Genuss, ihnen zuzuhören. Hohe Kochkunst, fernab jeder Fernsehkochshow! Den Beschreibungen nach werden hier mindestens 4-Sterne-Nachtisch-Rezepte ausgetauscht. Dazu passt der alte Winzer aus dem Baden-Badener Rebland, der sich wie kaum ein anderer in Rebsorten, Lagen und Jahrgängen auskennt – und das, ohne ein Masterstudium in Önologie absolviert zu haben. Seinen Weinempfehlungen würde ich blind vertrauen.

Wie ein großes Lexikon
Ich bin täglich aufs Neue beeindruckt, welch Fülle an Wissen, Fachkenntnis und Know-how, an Bildung und Erfahrung, aber auch an Bedachtsamkeit und Gelassenheit hier versammelt ist.
Könnte man doch all das erworbene Wissen, das die hier Wartenden in ihrer Biographie mit sich tragen, sammeln und wie in einem abrufbaren Lexikon abspeichern! Viele Räder müssten von uns Jüngeren nicht mehr neu erfunden werden.

Alte Menschen sind Experten fürs Leben, weil sie – teils durch Fleiß und Arbeitseifer, teils durch die täglichen Anforderungen des Lebens – gelernt und Erfahrungen gesammelt haben. Das ermöglicht ihnen, trotz Krücken und Rollator aufrecht zu gehen und sich nichts mehr beweisen zu müssen.

Ihr
Stefan Lutz-Bachmann
Ständiger Diakon
Vorsitzender des Caritasrates beim Caritasverband Baden-Baden

01 Mai 2009

Leitwort zu Pfingsten

Ende Mai gibt es ein besonderes Wochenende, nicht nur, weil es durch einen zusätzlichen Feiertag, den Pfingstmontag, länger als gewohnt ist, es bedeutet auch für viele
„Pfingstferien“, die – in der Vorsaison gelegen – verständlicherweise von jungen Familien und Erholungssuchenden gerne zum Urlaub machen genutzt werden. Was feiern wir an Pfingsten? An Pfingsten waren die Jünger zusammen mit Maria im Abendmahlssaal auf dem Zionsberg in Jerusalem versammelt, als der Heilige Geist, der Paraklet, der Beistand, den Jesus seinen Jüngern versprochen hatte, auf sie alle herabkam. Er hat die Jünger/innen erfüllt und zu neuen, mutigen Menschen gemacht.

Für mich persönlich bedeutet das Pfingstfest auch die Erinnerung an meine Priesterweihe vor 26 Jahren, die ich zusammen mit 24 weiteren Diakonen 1983 im Freiburger Münster U. L. Frau aus der Hand des im Januar 2008 verstorbenen Erzbischofs Oskar Saier empfangen durfte. In diesem Jahr wird es an Pfingsten in meiner Heimatgemeinde St. Vitus in Bad Schönborn – Langenbrücken nach 26 Jahren wieder eine Primiz geben, die von Pater Sebastian (früher Jörg) Haas-Sigel, der am 16. Mai in der Erzabtei St. Martin zu Beuron von unserem jetzigen Erzbischof Dr. Robert Zollitsch zum Priester geweiht wurde. Für mich ist deshalb in diesem Jahr Pfingsten ein besonderer Tag des Dankes, weil 26 Jahre nach meiner Priesterweihe und Primiz es in meiner Heimat wiederum einen Primizianten gibt, wenn auch kein Diözesanpriester, sondern ein Benediktinermönch.

Da mein im August 2008 verstorbener Onkel Laurentius Hoheisel OSB Abtpräses der Beuroner Kongregation war, habe ich natürlich auch besondere Verbindungen zu den Benediktinern, zumal ich in Jerusalem ein Jahr lang 1978/79 bei Benediktinern auf dem Zionsberg (direkt neben dem Abendmahlssaal) studieren durfte.

Noch ein weiterer mir wichtiger Hinweis zu Pfingsten:
Mit dem Pfingstfest verbinden wir hier in Baden-Baden eine gute ökumenische Tradition. Am Pfingstmontag treffen wir uns schon seit Jahren zu einem Ökumenischen Gottesdienst bei gutem Wetter in der Lichtentaler Allee (Nähe Burda-Museum) mit ihren grünen Bäumen, die – nach dem französischen Erzähler Gustave Flaubert (1821-1880) – „die schönsten Bäume sind, die es auf der Welt gibt“; bei schlechtem Wetter findet der Gottesdienst in der Evangelischen Stadtkirche statt.

Unter dem Thema “Gottes Geist eint“ treffen sich an diesem Pfingstmontag die Baden-Badener Christen – auch Gäste aus Nah und Fern – zum schon zur Tradition gewordenen Ökumenischen Gottesdienst. Die 30 Christlichen Gemeinden in der Stadt Baden-Baden, die in der ACG, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Gemeinden, zusammengeschlossen sind, richten diesen Gottesdienst gemeinsam aus.

Doch bitten wir jetzt an diesem Pfingstfest wieder neu um die Gabe und das
Geschenk des Heiligen Geistes, dass er uns ergreift und die Lebendigkeit
verleiht, die Welt und die Mitmenschen mit seinen Augen zu sehen und
Freude und tatkräftige Hilfe zu schenken: Gottes Geist verhelfe zu einer
guten „Caritas“. Gottes Geist wünsche ich unserem Caritasverband hier vor
Ort und allen, die sich, wo auch immer, füreinander einsetzen.

Klaus Fietz
(Ehem. Pfarrer an St. Bonifatius, Lichtental und Hl. Geist, Geroldsau; Leiter der Seelsorgeeinheit Baden-Baden-Lichtental, 1. Vorsitzender der ACG in Baden-Baden und des Caritasverbandes für die Stadt Baden-Baden e.V.)